"Eine tolerante Gemeinde"

Dankesworte bei der Verabschiedung in der Gadenstedter Kirche am 15. Dezember 2002 (3. Advent)

Liebe Gemeinde, liebe Freundinnen und Freunde,

im September habe ich schon einmal Abschied gefeiert - im Gadenstedter Jugendraum, verbunden mit einer Geburtstagsparty. An die Wand hatte ich eine Landkarte gehängt und meinen künftigen Wohnort mit einem Fähnchen markiert: Schmalkalden bei Eisenach. Innerhalb weniger Tage sollte sich alles noch einmal völlig ändern; nun fange ich am 2. Januar 2003 in Schönebeck (Elbe) an zu arbeiten. Schönebeck liegt etwa 20 km südöstlich von Magdeburg, ich absolviere bei der dortigen Zeitung "Volksstimme" ein so genanntes Volontariat, eine zweijährige Journalistenausbildung. Die "Volksstimme" erscheint mit 17 Lokalausgaben im ganzen nördlichen Sachsen-Anhalt und ist somit eine recht große Zeitung. Ich bin froh, dass mein Berufseinstieg nach dem Studium doch relativ schnell geklappt hat, zumal der Markt im Journalismus gesättigt und hart umkämpft ist.

Die Stelle in Schmalkalden hätte ich am 1. Oktober antreten müssen - was ich auch geschafft hätte -, aber dass ich nun noch ein Vierteljahr länger Zeit hatte, um einige Dinge zum Abschluss zu bringen, freut mich sehr. Pastor Norbert Paul hat eben schon die Stationen aufgezählt, die ich hier in der Kirchengemeinde durchlaufen habe. Weitere Stationen hatte ich auf Kirchenkreis-, Sprengel- und Landeskirchenebene. Alle meine Ehrenämter habe ich abgegeben, in einigen Fällen sind die Legislaturperioden, für die ich gewählt war, ohnehin abgelaufen. Einzig den Vorsitz der Landesjugendkammer, also den Vorsitz der Evangelischen Jugend der hannoverschen Landeskirche, werde ich noch, so gut es geht, bis Ende Februar wahrnehmen.

Mein Werdegang in der Kirche wäre nicht möglich gewesen ohne meine Herkunft aus der Kirchengemeinde Gadenstedt. Ich bin nicht der Einzige, bei dem die Jugendarbeit von Pastor Norbert Paul Früchte getragen hat. Schon früh haben sich einige unserer Pfadfinderinnen und Pfadfinder auf Bezirks- und Landesebene engagiert. Einige Gadenstedter haben Theologie oder ein soziales Fach studiert. Ich kenne, glaube ich, niemanden aus unserer Jugendarbeit, der nicht Zivildienst statt Bundeswehr gemacht hat. Das sind alles keine Selbstverständlichkeiten, sondern hat Gründe, die in unserer religiösen Sozialisation liegen, die wir hier in Gadenstedt erfahren haben.

Zwei Dinge sind dafür ganz entscheidend gewesen. Erstens: Unsere Gemeinde ist eine ausgesprochen tolerante Gemeinde. Es war jederzeit möglich, innovative Gottesdienstformen auszuprobieren. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, wo etwa das Zusammenspiel zwischen traditioneller und moderner Kirchenmusik hervorragend geklappt hat. Aus Gadenstedt kamen und kommen kreative Köpfe, die hier die Chance hatten, Neues auszuprobieren.

Zweitens: Speziell in der Jugendarbeit, aber auch in anderen Bereichen, ist es in Gadenstedt möglich, Verantwortung zu übernehmen, eigenverantwortlich zu arbeiten und so für sein Leben zu lernen. In meinem Fall war das zum Beispiel der "monatsgruss". Neben vielen anderen Jobs und Praktika, die ich bei Zeitungen, Agenturen und beim Fernsehen absolviert habe, war auch der "monatsgruss" eine Publikation, bei deren Erstellung ich sehr viel lernen konnte - gerade, weil ich hier für das Endprodukt verantwortlich war und somit Einfluss auf Inhalt, Umfang, Gestaltung und Erscheinungstermin hatte. Ich konnte hier die verschiedenen journalistischen Textformen wie Bericht, Interview oder Kommentar ausprobieren und habe nicht zuletzt immer unter Zeitdruck arbeiten müssen - also eine sehr realistische Arbeitsweise, die mich auch in Zukunft ereilen wird.

Ein kleiner Themenwechsel: Ohne die Kirchengemeinde Gadenstedt wäre ich kein Musiker geworden. Bereits im März dieses Jahres hat sich die Gruppe Ichthys mit einem Konzert verabschiedet; und ich kann gar nicht anders, als Ichthys in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Das war eine zwölfjährige Geschichte, die mir einige der schönsten Momente in meinem Leben beschert hat. Seit März stand ich nicht mehr auf der Bühne, zumindest nicht als Musiker, und ich weiß, dass mir das sehr bald fehlen wird. Eine Gitarre ist wenigstens schon in der Schönebecker Wohnung deponiert; wann ich sie wieder benutzen werde, steht allerdings in den Sternen.

Aber es fing ja alles noch früher an: Zuerst war da die Gadenstedter Flötengruppe, die - wie könnte es anders sein - eine ganz außergewöhnliche Gruppe war. Dadurch, dass wir zum Schluss häufig Eigenkompositionen von unserem Leiter Bernd Klingenberg gespielt haben, dass wir mit Gitarre, Gesang und Sprechtexten experimentiert haben, war klar, dass die Flötengruppe nach dem Weggang von Bernd nicht einfach mit einer neuen Leitung hätte weitermachen können. Beim Kirchentag im Ruhrgebiet hat die Flötengruppe bei einigen Stücken sogar die Band Ichthys begleitet, was allein tontechnisch eine Herausforderung ist.

Gitarre spielen habe ich nur gelernt, weil ich als Kindergottesdiensthelfer gern den Gesang begleiten wollte. Das Nötigste habe ich mir mühsam selbst beigebracht, mit einem Standard-Lehrbuch, das ich mir von Norbert geliehen hatte und bis heute nicht zurückgegeben habe, was ich nun endlich nachhole. Zu Ichthys bin ich nur gestoßen, weil ich bei der Generalprobe zum ersten Auftritt Fotos für die Evangelische Zeitung gemacht habe und plötzlich mitsingen sollte. Mein Werdegang in der Kirche ist also von vielen glücklichen Zufällen bestimmt gewesen, die wahrscheinlich in dieser Fülle nur in Gadenstedt möglich waren.

Ich habe in unserer Landeskirche in manchen Kreisen einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt. Was ich nun tue - und worauf ich mich freue - ist ein sehr radikaler Wechsel: Wo ich hinkomme, kennt mich niemand. Es weiß niemand, was ich bislang in der Kirche getan habe. Es würde niemanden interessieren. Es würde auch niemand verstehen. Ich wechsele zum ersten Mal meinen Wohnort. Ich wechsele zwangsläufig mein persönliches Umfeld. Ich werde wahrscheinlich den Sportverein wechseln müssen - was besonders schade ist, weil ich gerade gestern zusammen mit Olaf Thöne Doppelvereinsmeister im Tischtennis geworden bin. Und ich werde zum ersten Mal für Geld arbeiten - wobei einige meinen, dass das auch höchste Zeit wird.

Auch wenn dieser Gottesdienst eine Art Abschied ist, werde ich sicherlich gelegentlich in Gadenstedt sein. In der Ostlandstraße steht noch ein Bett für mich und in meinem bisherigen Büro lagern bis auf Weiteres meine Aktenordner mit den Unterlagen der verschiedenen kirchlichen Gremien - wohl sehr zum Leidwesen meines Bruders. Meine Tätigkeit im Kirchenvorstand werde ich nun allerdings beenden, die Arbeit für den "monatsgruss" habe ich bekanntlich schon vor einiger Zeit eingestellt.

Ich werde mich nun aber nicht in die Gefahr begeben, mich bei einzelnen lieben Menschen zu bedanken. Ich könnte jemanden vergessen - oder jemand könnte mit der Gewichtung nicht einverstanden sein. In den 29 Jahren, in denen ich in Gadenstedt gelebt habe, waren selbstverständlich immer wieder andere Menschen für mich sehr wichtig. Die persönlichen Worte können wir außerdem gleich im Anschluss bei einigen Getränken im Gemeindehaus austauschen. Ich bedanke mich aber insgesamt für die in jeder Hinsicht sehr lehrreiche und schöne Zeit in Gadenstedt.

Lothar Veit
15. Dezember 2002

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