"Event"-Kultur und Feierrituale in der Kirche

Die Kirche als Medienereignis
Die Kirche als Krisenreaktionskraft
Die Kirche als Festsaal
Die Kirche als Event-Agentur
Die Kirche als Kirche

Das Lamento ist wahrscheinlich so alt wie die Kirche selbst - schon immer haben hochrangige Würdenträger darüber geklagt, dass ihre Institution in einer heidnischen Umgebung an Bedeutung verliert, ja schlimmer noch: dass Werte und Moral überhaupt im Verfall begriffen sind. In Deutschland ist das seit dem 20. April 2005 anders. Denn seitdem wissen wir: Wir sind Papst! Ob Protestant oder Moslem, ob Mann, Frau, Kind oder Greis, völlig schnurz, wir sind, wenn schon nicht Fußballweltmeister, dann wenigstens Papst. Ob wir wollen oder nicht.

Die Kirche als Medienereignis
Man mag von der Schlagzeile einer großen deutschen Boulevard-Zeitung halten, was man will: Die Nation hat wochenlang darüber gesprochen. Schon zuvor, als Papst Johannes Paul II. öffentlich - und über Live-Ticker mitzuerleben - im Sterben lag, trat die sonst übliche Kritik am katholischen Kirchenoberhaupt und an den Kirchen insgesamt in den Hintergrund. Im Vordergrund standen der Respekt vor einem leidenden Superstar, die Menschenmassen auf dem Petersplatz in Rom und das mediale Großereignis. Letzteres sorgte dafür, dass man sich zwar nicht direkt den raschen Tod des Papstes wünschte, aber doch, dass die mehr oder weniger kenntnisreichen Kommentatoren und Korrespondenten von ihrer Pein erlöst würden, sich in Dauersondersendungen den Mund fransig reden zu müssen.

Und dann kam der Neue: "Unser Joseph Ratzinger ist Benedikt XVI." titelte die Bild-Zeitung in etwas kleineren Lettern über ihrer halbseitigen "Wir sind Papst!"-Schlagzeile. Und wieder versammelten sich Millionen von Menschen in Rom und vor den Fernsehschirmen in aller Welt, auch und gerade viele junge Menschen.

Bemerkenswert daran: Die Mechanismen der modernen Medienwelt funktionierten unabhängig davon, dass es hier um das katholische Kirchenoberhaupt und nicht etwa um einen Hollywood-Star ging. Das trieb teilweise durchaus bizarre Blüten. So kamen späte Fernsehzuschauer in den zweifelhaften Genuss zu hören, was Viva-Moderatorinnen und Seifenopern-Darsteller (die sich gerade auf einer Party anlässlich der Verleihung des Musikpreises "Echo" tummelten) zum Papst-Tod zu sagen hatten - was ungefähr so erhellend war, wie wenn man den Dirigenten Simon Rattle nach der neuesten Platte des Dieter-Bohlen-Ziehsohns Daniel Küblböck befragt hätte.

Nicht minder kurios die Geschichte eines 21-jährigen Zivildienstleistenden, der für knapp 190.000 Euro seinen sechs Jahre alten VW Golf über das Internet-Auktionshaus eBay versteigerte - das Auto war früher einmal auf Joseph Ratzinger zugelassen gewesen.

Somit sind sowohl Papst-Tod als auch Papst-Wahl ohne Zweifel zu einem "Event" geworden. Wobei man nicht sagen kann, dass die Kirche dieses forciert hätte. Der Umgang des Vatikan mit Funk und Fernsehen ist zwar - nicht zuletzt dank des "Medien-Papstes" Johannes Paul II. - mittlerweile hoch professionell. Aber die Riten, mit denen der alte Papst bestattet und der neue eingesetzt wurde, sind uralt. Die Wahl des Papstes wird nach wie vor auf lateinisch bekannt gegeben. Neu ist, dass sich junge Papst-Verehrerinnen nur wenige Stunden später im Internet ein bauchfreies T-Shirt mit dem Aufdruck "Habemus Papam" bestellen können.

Ebenso altertümlich: Die Kardinäle schließen sich zur Papstwahl ein und kommen nicht eher wieder hervor, bis sie ihre Wahl getroffen haben. Es gibt keine Hochrechnungen, keinen Zuschauer-TED, kein "Televoting" - es gibt nur schwarzen oder weißen Rauch. Das ist so genial einfach, dass eine hochtechnisierte Welt vor Spannung den Atem anhält und auf einen kleinen Schornstein starrt. Und als wenn es nicht schon immer so gewesen wäre, heißt es heute auch von Kirchenfernen: "Das mit dem weißen Rauch hat echt Stil."

Diese Phänomene sagen noch nichts über die christliche Prägung oder Frömmigkeit derer aus, die an ihnen teilhaben. Aber verblüffend ist doch, dass die Kirche mit ihrem Ureigensten zum Medienereignis wird: Mit Verkündigung und Liturgie - und das auf die allertraditionellste Weise. Das könnte schon eine erste wichtige Erkenntnis für diejenigen in der Kirche sein, die mit krampfhaften Verrenkungen dem Zeitgeist hinterher humpeln.

Die Kirche als Krisenreaktionskraft
Bleiben wir beim Eigentlichen. Es gab in der jüngeren Vergangenheit mehrere Ereignisse, bei denen die Kirchen ins Blickfeld der Menschen geraten sind. Für die Ereignisse konnten die Kirchen nichts. Trotzdem war ihre Kompetenz gefragt.

Am 3. Juni 1998 verunglückte ein ICE bei Eschede (Niedersachsen). 100 Menschen starben. Schnell waren Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger vor Ort und halfen, wo es ging. Ein zentraler, öffentlich wahrgenommener Gottesdienst schloss sich an.

Am 25. Juli 2000 stürzte das französische "Superflugzeug" Concorde ab. Es kamen ebenfalls mehr als 100 Menschen ums Leben. Mit großer Selbstverständlichkeit wurde im Christus-Pavillon auf der Expo in Hannover ein ökumenischer Gedenkgottesdienst organisiert, an dem Bundeskanzler Gerhard Schröder und fast das gesamte Bundeskabinett teilnahmen.

Am 11. September 2001 rasten zwei Flugzeuge in das World Trade Center in New York. Rund 3000 Menschen wurden unter den Trümmern begraben. Sofort öffneten Gemeinden ihre Kirchentüren, stellten den Trauernden und Verzweifelten ihre Räume zur Verfügung. Später gedachten die Kirchen auch in ihren Andachten und Gottesdiensten der Opfer und versuchten, die brutalen Ereignisse in Worte zu fassen. Aber zufrieden stellende Antworten gab und gibt es nicht. Und deswegen war dies noch wichtiger: dass die Menschen einen Ort hatten, an dem sie eine Kerze anzünden und im persönlichen Zwiegespräch Gott um Hilfe bitten, vielleicht auch anklagen konnten.

Natürlich wünschen sich die Kirchen nicht, dass sie nur in schweren oder schwersten Zeiten aufgesucht werden. Aber sie hätten ein ernstes Problem - und die Hilfe suchenden Menschen erst recht - wenn dem nicht so wäre. Wenn der Kirche nicht mal im Angesicht von Katastrophen ihre Rolle als Trostspenderin zugestanden würde. Die evangelische und katholische Kirche haben sich viele Gedanken zum 11. September gemacht. Unzählige Stellungnahmen wurden verfasst und veröffentlicht. Zu Recht haben Christinnen und Christen davor gewarnt, den Islam generell als Brutstätte des Terrorismus zu diskreditieren. Aber am Anfang war es vor allem notwendig, dass die Türen offen standen.

Die Kirche als Festsaal
Es gibt immer noch Pastorinnen und Pastoren, die den Gottesdienst am Heiligen Abend nutzen, um die ungewöhnlich üppig erschienene Gemeinde dafür auszuschimpfen, dass sie sich den Rest des Jahres nicht herbequemt. Der Frust ist verständlich, aber nicht unbedingt eine geeignete Triebkraft für die wichtigste Predigt des Jahres. Interessant ist doch: Der Gottesdienstbesuch zu Weihnachten hat allgemein zugenommen.

Ebenso erfreuen sich kirchliche Trauungen und Taufen ungebrochener Beliebtheit. Manchmal sehr zum Ärger der Kerngemeinde. Die "Eindringlinge" der Hochzeits- und Taufgesellschaften wissen nicht, wann sie aufzustehen haben, sie singen nicht, sie kennen das Vaterunser nicht auswendig. Das alles ist für Gottesdienst-Profis erschütternd, kurzfristig zu ändern ist es nicht. Also muss man zunächst zur Kenntnis nehmen, dass bei "kirchenfernen" Menschen dennoch ein Bedürfnis vorhanden ist, Festtage oder besondere Wendepunkte im Leben in einem kirchlichen Rahmen zu feiern. Oftmals kommen die Menschen sogar mit recht klaren Vorstellungen, die dann allerdings nicht selten Hollywood-Filmen oder der "Traumhochzeit" entnommen sind.

Da soll dann halt der Brautvater die Braut zum Altar führen - ungeachtet, oder vielmehr: in Unkenntnis des patriarchalischen Hintergrundes dieses Brauches. Da soll dann zur Beerdigung Elton John aus dem CD-Spieler "Candle in the wind" schmachten - wobei dieser Titel wahrscheinlich noch zu den erträglicheren Vorschlägen gehört. Da wird das Töchterchen nach allen Regeln der Kunst als Engel für das Krippenspiel mit weißem Kleid, aufwändigen Flügeln und güldener Krone aufgebrezelt.

Groll nützt bei alledem wenig. Die Hauptberuflichen in der Kirche müssen sich die Mühe machen, darüber ausführlich mit Brautpaaren und Taufeltern zu sprechen. Sie sollten in der Lage sein, die Feierkultur der Kirche verständlich zu erklären, ohne die Wünsche der Betroffenen abzuwerten. Sie sollten am besten Alternativvorschläge parat haben. Und sie sollten mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gehen. Sonst kann es passieren, dass ein Chor in durchaus guter Absicht bei einem Konfirmationsgottesdienst das Spiritual "Kum ba yah" anstimmt, aber nicht weiß, dass zum selben Zeitpunkt eine Hard'n'Heavy-Version des Liedes von der Band "Guano Apes" und dem Comdey-Star Michael Mittermeier ganz oben in der Hitparade steht. Der Chor war beleidigt, weil die Jugendlichen das Lachen nur mühsam bis gar nicht unterdrücken konnten.

Es gibt Beispiele, die belegen, dass die Kirche immer dann punkten kann, wenn sie nicht als Spaßbremse und Spielverderberin wahrgenommen wird. Die bundesweite Aktion "Advent ist im Dezember" richtet sich beispielsweise dagegen, dass im September in den Geschäften schon die Weihnachtsdekoration hervorgeholt wird und der Lebkuchen ins Sortiment Einzug hält. Die Gefahr ist groß, dass die dagegen protestierende Kirche nicht nur als Spaß-, sondern zu allem Überfluss auch noch als Konjunkturbremse gilt (in diesen Zeiten!). Das Argument: Der Kunde verlangt im September nach Spekulatius, also muss sich der Einzelhandel danach richten, basta!

Foto: Silke Nenzel Eine pfiffige, durchaus persönliche Opfer abverlangende Idee hatten da die Pressesprecher der evangelischen und katholischen Kirche in Sachsen-Anhalt. Sie schlenderten als Osterhasen verkleidet über den Magdeburger Weihnachtsmarkt (der bereits am Freitag vor dem Ewigkeitssonntag seine Pforten geöffnet hatte) und kamen - selbstverständlich - sofort mit Passanten ins Gespräch. Und sie landeten auf den Titelseiten der beiden regionalen Tageszeitungen. Beinahe unnötig zu erwähnen, dass die Kirchen in solchen und vergleichbaren Fällen längst im Internet professionelle Aufklärungsarbeit leisten (z.B.:
www.advent-ist-im-dezember.de).

Die Kirche als Event-Agentur
Um mit anderen "Anbietern" mitzuhalten, hat die Kirche es sich angewöhnt, bisweilen "Events" zu organisieren. Zunächst: Event ist ein abscheulicher Begriff. Fernab jeglicher Deutschtümelei gehört er zu den eher überflüssigen Anglizismen, und es ist verwunderlich, dass er - auch in kirchlichen Kreisen - inzwischen zum Standard-Vokabular gehört. Event heißt Ereignis - es ist allerdings ein Irrtum anzunehmen, dass eine kirchliche Veranstaltung allein dadurch zum Ereignis wird, dass man sie "Event" nennt.

Während Großkonzerne wie McDonalds ("Ich liebe es") oder Douglas ("Douglas macht das Leben schöner") inzwischen wieder dazu übergegangen sind, ihre Produkte in Deutschland auf deutsch zu bewerben, glauben manche kirchliche Veranstalter immer noch, dass man speziell junge Menschen nur mit Events, Contests und Awards hinter dem Ofen hervorlocken kann. Dafür gibt es jedoch keinen Beleg. Im Gegenteil: Jugendliche empfinden es als peinlich, wenn eine (Erwachsenen-)Organisation wie die Kirche versucht, sich mittels sprachlicher Selbstverstümmelung anzubiedern.

Dennoch haben die Kirchen mittlerweile den "Gospel Award" und den "Message-Music Contest" erfunden. Ob diese Veranstaltungen ihren Zweck erfüllen, soll hier gar nicht Thema sein, aber es darf einen schon wundern, dass sich hier einerseits an einen allgemeinen Wettbewerb- und "Casting"-Trend angehängt wird und dann andererseits "Teenie-Idole" wie die Sängerin Inga Rumpf und die Schauspielerin Susanne Uhlen in den Jurys sitzen (deren künstlerische Qualitäten hiermit in keinster Weise angezweifelt werden sollen).

Grundsätzlich gilt: Die Verpackung darf nicht glänzender sein als der Inhalt. Jede Organisation, die erfolgreich sein will, muss sich bewusst machen, was ihre Anliegen und ihre Stärken sind. Gerade die Kirchen dürfen ihren Auftrag und dessen Vermittlung nicht der Beliebigkeit preisgeben. Der Zweck heiligt eben nicht immer die Mittel.

Da wundert sich selbst der Musiker Heinz Rudolf Kunze, der beauftragt wurde, ein Lied für den 30. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hannover zu schreiben, dass er nicht auf eine christliche Minimalbotschaft verpflichtet wurde. Im Interview mit dem Musikmagazin "Rolling Stone" sagt er: "Die evangelische Kirche, die ja beinahe panisch offen ist, hat uns übrigens absolut freie Hand bei dem Song gelassen."

Zur Ehrenrettung muss gesagt werden, dass es gerade die evangelischen Kirchentage und die Katholikentage sind, die den Spagat zwischen "Event" und authentisch christlicher Feierkultur hinbekommen. Denn ein Großteil des Programmangebotes wird ja in den Gemeinden vor Ort vorbereitet. Diese Leuchtturm-Veranstaltungen leben nicht etwa - oder zumindest nicht allein - von der Politprominenz oder den Jürgen Flieges, Eugen Drewermanns und Dalai Lamas, sondern vor allem von den vielen kleinen kulturellen, kommunikativen und kulinarischen Angeboten der "Basis". Was dort alles zusammenkommt, bildet erst das Gesamtunternehmen Kirche.

Die Kirche als Kirche
Großveranstaltungen sind unbestritten ein wichtiger Bestandteil kirchlicher Arbeit. Sie verschaffen der christlichen Botschaft ein Gehör über die Kerngemeinde hinaus. Aber die Planer und Macher solcher Veranstaltungen dürfen nicht der Illusion erliegen, dass ein medienwirksames Spektakel in der Folge mehr junge Menschen, mehr Männer und Frauen zwischen 30 und 45 oder mehr Berufstätige in den sonntäglichen Gottesdienst spült. Selbst wenn es so wäre, die Ernüchterung für beide Seiten folgte auf dem Fuße, wenn die Ortsgemeinde nicht halten kann, was ein Kirchentag, Katholikentag oder Event-Award-Contest zuvor versprochen hat.

Heinz Rudolf Kunze, der immerhin noch Kirchensteuerzahler ist, hat sein Bild von der Kirche so formuliert: "Die Kirche ist eine sinnvolle und wichtige Einrichtung, aber sie führt einen verdammt schwierigen Kampf. Sie muss ihr spezielles Angebot einer Jahrmarktsgesellschaft anbieten, innerhalb derer die Reize grell und bunt miteinander konkurrieren. Es scheint ein Gesetz zu sein, dass die Kirche dort, wo Üppigkeit, Überfluss und Zerstreuungsvielfalt herrscht, einen schweren Stand hat. Wohlstand ist sinntötend."

Die Kirche wird dann nach innen und nach außen wachsen, wenn sie sich auf ihre Stärken besinnt, wenn ihre Repräsentanten vorleben, was sie predigen, wenn sie offen für Suchende ist, ohne beliebig zu werden - und wenn sie akzeptiert, dass andere das, was außerhalb ihrer Kernkompetenz liegt, möglicherweise besser können.

Lothar Veit

(erschienen in: Themenhefte Gemeindearbeit 69, "Feierst Du noch oder glaubst du schon?", Bergmoser + Höller Verlag, Aachen, Juli 2005)

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