Predigt nach Noten

Von Lothar Veit

Sind religiöse Popgruppen von der öffentlichen Musikszene abgekoppelt? Manche ja, andere nicht. Wer über den eigenen Tellerrand schaut und wer lieber seinem Milieu treu bleibt: Seite 20-22 im Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt, Ausgabe 14 vom 7. April 2000

Es sind Perlen deutscher Schlagzeilenlyrik: "Abgrundtief schwarze Erleuchtung" vermelden die Zeitungen oder auch "Wahrheiten im Weihrauch-Nebel". Was mag da nur passiert sein? Nicht viel, außer dass Rocklegende Inga Rumpf Teile der Bergpredigt vertont hat und damit durch Deutschlands Kirchen reist. Selbst der auf- und abgeklärte "Spiegel" ist verblüfft angesichts einer "Marketing-Idee, die fast so überraschend ist wie die wundersame Brotvermehrung der Bibel". Die öffentliche Resonanz lässt so manchen Kirchenmusiker vor Neid erblassen.

Foto: epd-bild

"Walking in the light" heißt die Idee, die mehr ist als nur Marketing. "Was mich treibt", so Inga Rumpf, "ist meine eigene Spiritualität, meine Suche nach Gott." Mit kraftvollen Gospel- und Soulsongs hat die Sängerin eine Suche begonnen, auf die sich ihr dankbares Publikum in vollen Kirchen gern mitnehmen lässt. Höhepunkt ihrer Monate dauernden Tournee werden rund 20 Konzerte im Christus-Pavillon auf der EXPO sein. Das EXPO-Büro der evangelischen und katholischen Kirche ist Auftraggeber für die Seligpreisungen im neuen Klanggewand. "Diese Musik hat eine unglaubliche Kraft. Auf unserer Suche nach Religion würde es nicht funktionieren, wenn wir unsere Kirche nur mit Traurigkeit und Skepsis füllen." Sagt Inga Rumpf.

Wann immer eine Band in eine Kirche einzieht und mit Schlagzeug, E-Gitarre und flotten Rhythmen von Gott singt, scheint das etwas völlig Neuartiges zu sein - und das schon seit über dreißig Jahren. Während viele Bands über die Enge der christlichen Rock- und Popmusikszene stöhnen und die Unbeweglichkeit der Kirchenmusik bedauern - wobei das eine mit dem anderen zunächst gar nicht so viel zu tun hat -, sorgt Inga Rumpf für "vorweihnachtliche Gefühle", wie ein Pastor beim Anblick seiner rappelvollen Kirche im Frühjahr schwärmte.

Der Grund ist relativ einfach: Inga Rumpf ist zwar außergewöhnlich, vor allem aber nicht jeden Sonntag zu haben. Der musikalische Alltag in den Kirchengemeinden kann da nicht mithalten. Die jahrhundertealten Traditionen der Kirchenmusik sind ein ungeheurer Schatz. Aber der Großteil der Deutschen lebt offenbar auch gern in vermeintlich kultureller Armut. Diese paradoxe Situation zwischen Hoch- und Massenkultur hat mit dazu geführt, dass die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) einen Konsultationsprozess zum "Verhältnis von Protestantismus und Kultur im neuen Jahrhundert" angestoßen haben (vergleiche DS 5/2000, 10/2000 und 13/2000).

Die Kirchenmusik als Bestandteil der protestantischen Kultur wird im Kulturpapier allerdings nur am Rande erwähnt. Da heißt es durchaus korrekt, dass die evangelische Kirchenmusik auf eine "ungebrochene Traditionslinie zurückgreifen" kann. "Zu wenig!", kritisiert die "Ständige Konferenz für Kirchenmusik in der Evangelischen Kirche in Deutschland". In ihrer Stellungnahme schreibt sie: "In der öffentlichen Musikkultur ist die Kirchenmusik weithin ein Sonderfeld, auf dem um den Anschluss an zeitgenössische musikalische Formen - sei es der Konzert-, sei es der Popularmusik - zu kämpfen ist."

"Zurückgreifen" - welch ein unangemessener Begriff! Von einer Neuschöpfung oder Fortentwicklung musikalischer Formen ist da gar nicht die Rede. Kritik auch von der Arbeitsgemeinschaft Musik in der evangelischen Jugend, der Interessenvertretung aller Bands und Musikgruppen im kirchlichen Bereich. Sie hatte in die Evangelische Akademie nach Bad Herrenalb eingeladen, um über die Zukunft von Popularmusik und Kirche nachzusinnen. Dort hagelte es verbale Ohrfeigen für die Kulturfachleute der Kirche. Der Soziologe Michael Ebertz von der katholischen Fachhochschule in Freiburg attestierte den Kirchen eine "kulturelle und soziale Milieuverengung". Soll heißen: Die Kirche grenze bewusst oder unbewusst mehr Menschen aus, als sie einlade. Zynisch sprach er sogar davon, dass die Kirche von den meisten Menschen als "friedlich" und "höflich" angesehen werde, also als "friedhöflich".

Kirchliche Popmusik ist um Jahrzehnte verspätet

Dass aus diesen Nöten allein die Popmusik heraushelfen kann, glauben allerdings nicht einmal die Popmusiker. Denn: Popmusik in der Kirche ist nicht gleich Popmusik, wie sie der Durchschnittskonsument kennt. Kirchlicher Pop, so erleben es Musiker und Hörende gleichermaßen, liegt zwischen zehn und 30 Jahren hinter der "weltlichen" Entwicklung zurück. Ernsthafte Bemühungen, das zu ändern, gibt es vielerorts. In der Nordelbischen Landeskirche können Kirchenmusiker eine C-Prüfung in Popularmusik ablegen. Die Landeskirche in Kurhessen-Waldeck leistet sich gar einen "Kapomuk", einen Kantor für Popularmusik. Auch in anderen Landeskirchen ist die popmusikalische Ausbildung ein Thema.

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Doch Musiker aus der christlichen Rock- und Popszene bezweifeln, dass der Mehrzahl der so ausgebildeten Kirchenmusiker eines gelingen wird: Authentizität. Was das Ganze noch komplizierter macht: Eine homogene Rock- und Popszene im christlichen Bereich gibt es überhaupt nicht. Es gibt deren vielmehr zwei: eine, die Gemeindearbeit betreibt und neben anderen Dingen eben auch ein bisschen Musik macht, und eine zweite, die auf Plattenverträge hinarbeitet, christliche Musikmessen besucht und sich in den christlichen Musikzeitschriften tummelt. Bands aus der letzteren Kategorie entstammen - wie so oft - eher dem evangelikalen Milieu.

Beide Szenen wissen wenig voneinander und sind wiederum abgeschottet von der säkularen Musikindustrie, die sich von christlichen Inhalten freihält, einmal abgesehen von Leuten wie Xavier Naidoo. Diese Zersplitterung trägt dazu bei, dass die Leute, die alle an einem Strang ziehen könnten, nicht zueinander finden. Die klassische Kirchenmusik hat auf der anderen Seite bis auf ein paar Ausnahmen die rigorose Ablehnung von Popularmusik längst hinter sich gelassen. Grenzüberschreitungen nach beiden Seiten sind möglich geworden. Die kirchlichen Bands sind auch nicht angetreten, um Organisten und Kirchenchöre vor die Tür zu setzen. Sondern alle wollen irgendwie, dass die Kirchen wieder voller und Gottesdienste lebendiger werden und dass die Kirche nicht weiter zur gesellschaftlichen Randerscheinung wird.

Dazu hat das Papier "Gestaltung und Kritik" zum Konsultationsprozess von EKD und VEF einen wichtigen Beitrag geleistet - und zwar gerade dadurch, dass es Widerspruch provoziert. Widerspruch zum Beispiel dagegen, dass Popmusik hier als Phänomen der Jugendkultur deklassiert wird. Zum Beispiel auch dadurch, dass die Kirche ihre Rolle überwiegend darin sieht, die Jugend vor den schlechten Auswüchsen der Jugendkultur zu schützen. Wäre es nicht sinnvoller, mit beherztem Engagement kirchliche Räume für eine zeitgemäße Jugendkultur anzubieten?

Da behauptet das Kulturpapier in Hinblick auf Bibelverweise und Danksagungen an Gott in CD-Hüllen: "Das religiöse Image der Stars bietet Identifikationsmöglichkeiten, auch wenn es oft nur unter Marketing-Gesichtspunkten eingesetzt wird." Ja, warum denn so misstrauisch? Und was heißt "nur"? Wenn das Bekenntnis zum christlichen Glauben für Marketing-Zwecke verwertbar ist, warum kann die Kirche dann nicht mit diesem Pfund wuchern? Schließlich besitzt sie buchstäblich als Erste die Vermarktungsrechte.

Wichtig ist bei alledem der Aspekt der Authentizität. Die Menschen, die - aus welchen Gründen auch immer - nicht zur Kirche gehen, werden auch dann nicht kommen, wenn ein Musikprogramm angeboten wird, das einzig und allein den Zweck hat, sie in die Kirche zu locken. Der Hamburger Musikjournalist Günther Jacob warnte bei der Tagung in Bad Herrenalb eindringlich vor einer Anbiederung an den Massengeschmack: "Anbiederung ist identitätszerstörend für die Kirche. Ihre Frage müsse eher lauten: Was alles kann christliche oder kirchliche Musik sein?"

Dieser Rat zumindest war authentisch, denn Jacob hatte den anwesenden Kirchenmusikern gleich zu Beginn unmissverständlich klargemacht, dass ihn das hier verhandelte Problem eigentlich so gar nicht betreffe. "Die kirchlichen Popularmusiker wollen offenbar die Popmusik aufwerten, um ihre Gegner zu überzeugen. Das klappt deshalb nicht, weil Popmusik gar keine Hochkultur sein will, sondern bewusst Massenware ist."

Ausschau halten nach neuen Talenten

Die Kirchenmusiker, die derzeit gern oder zähneknirschend die Popmusikschulbank drücken, müssen sich also nicht quälen, alle modernen Stilrichtungen beherrschen zu wollen. Dafür bewegt sich die Entwicklung einfach zu schnell. Ihnen fällt vor allem eine andere Aufgabe zu: Ausschau zu halten nach jungen musikalischen Talenten, die auf der Suche nach einem Raum sind, die Kirche für sie zu öffnen und mit Rat und eher noch Tat zur Seite zu stehen.

Der Erfolg von Inga Rumpfs Tournee hat damit zu tun, dass ihr Gesang authentisch ist und eben nicht nur Marktstrategie. Durch ihr Publikum geht regelmäßig ein Aufatmen, sobald es die Überwindung abgelegt hat, in einem sakralen Raum zu klatschen. Alltag in den Kirchen? Die Frage jedenfalls, ob die derzeitige Kirchenmusik nicht sehr elitär sei, bügelt die 53-Jährige verwundert ab: "Wir selbst bestimmen doch, was in der Kirche stattfindet." Wer sonst?

© DS - DEUTSCHES ALLGEMEINES SONNTAGSBLATT, 7. April 2000, Nr. 14/2000.

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