"Es muss sehr gut werden"

Foto: Wilhelm Scheele Rede zum Auftakt der Vorbereitungen für das Landesjugendcamp 2002 während der Landesjugendkammer am 9. Juni 2001

1. Wat is'n Landesjugendcamp?
2. Wie alles begann
3. Die Veranstalterin
4. Lohnt der Aufwand?
5. Erfahrungen aus dem Jahr 2000
6. Ökumene - konfessionell und international
7. Spaß oder Inhalt?
8. Gewalt überwinden
9. Das war schon immer so


1. Wat is'n Landesjugendcamp?
Da stellen wir uns mal ganz dumm und sagen: Das Landesjugendcamp ist die zentrale Veranstaltung der Evangelischen Jugend in der hannoverschen Landeskirche, zu der alle zwei Jahre - immer dann, wenn kein Kirchentag ist - mindestens 2000 Jugendliche kommen und ein Wochenende lang gemeinsam feiern und beten, diskutieren und kreativ werden. Veranstalterin des Camps ist die Landesjugendkammer. Es wird koordiniert von einem ständigen Leitungskreis und im Detail vorbereitet und durchgeführt von ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus den Kirchenkreisen, Sprengeln, Verbänden, Arbeitsgemeinschaften und dem Landesjugendpfarramt. Soweit die groben Rahmendaten.

2. Wie alles begann
Ein bisschen Geschichte: Ganz früher gab es einmal eintägige Landesjugendtreffen (das erste 1950), zu denen rund 15.000 Jugendliche kamen. Für mich sind 2.500 Jugendliche schon relativ viel, deshalb kann ich mir eine solche Masse auf dem Sachsenhaingelände gar nicht vorstellen. Aber da müssen wir uns in der nächsten Zeit wohl auch nicht vor fürchten. Das erste Landesjugendcamp in ähnlicher Form, wie es viele bereits kennen, fand 1984 statt. Das Camp 2002 wird das neunte Landesjugendcamp sein. Das Camp 2004 wird dann logischerweise das zehnte sein und gleichzeitig ein 20-Jahre-Jubiläumscamp. Aber so weit sind wir noch nicht.

3. Die Veranstalterin
Die Veranstalterin ist die Landesjugendkammer. Das heißt: Ein Landesjugendcamp gibt es nicht automatisch alle zwei Jahre, sondern die Landesjugendkammer, das Parlament der Evangelischen Jugend, beschließt jedes Mal aufs Neue, ob und wann ein Camp stattfinden soll. Das lief nicht immer ganz glatt: das 96er Camp unter dem Motto "Mittendrin" wurde beispielsweise mit 11 Enthaltungen (von 31 Anwesenden) ziemlich knapp beschlossen, aber nicht aus inhaltlich-politisch-gesellschaftlich-globalen Gründen, sondern weil der Termin irgendwie nicht ganz konsensfähig war (beim Termin stimmten 9 mit "Ja", es gab 20 Enthaltungen). Das ist uns dieses Mal erspart geblieben: Das Camp 2002 wurde am 17. Juni 2000 einstimmig beschlossen; es soll vom 31. Mai bis 2. Juni 2002 statt finden (beim Termin gab es 2 Enthaltungen).
Bislang hatte die Landesjugendkammer die weitere Planung unmittelbar nach dem Beschluss an den ständigen "Leitungskreis Camp" delegiert. Das machen wir diesmal bewusst etwas anders. Natürlich kann in einem Gremium wie der Kammer, das sich dreimal im Jahr trifft, keine Großveranstaltung kontinuierlich geplant werden. Um den Stellenwert der Veranstalterin aber dennoch stärker herauszustellen, geschieht der Auftakt dazu hier und heute innerhalb der Landesjugendkammer, erweitert um Ehren- und Hauptamtliche aus den Kirchenkreisen, Sprengeln, Verbänden und Arbeitsgemeinschaften. Diese Versammlung wird dem sich hinterher konstituierenden Camp-Leitungskreis einige Vorgaben und Empfehlungen mit auf den Weg geben.
Die Landesjugendkammer wird dann in ihren künftigen Sitzungen regelmäßig Berichte über den Stand der Planungen entgegen nehmen. Wenn es am 31. Mai 2002 soweit ist und das Camp eröffnet wird, werden neben den vielen anderen Helferinnen und Helfern auch die meisten Mitglieder der Landesjugendkammer in ihren jeweiligen Arbeitsgebieten und Strukturen am Camp mitwirken.

4. Lohnt der Aufwand?
Immer wieder stellt sich bei manchen während der Vorbereitung die Frage - ich glaube, seltener bei Ehrenamtlichen - ob sich der ganze Aufwand überhaupt lohnt. Da wird für zweieinhalb Tage eine Unmenge an Material in den Sachsenhain gekarrt, man benötigt rund ein Jahr für die ganze Planung, man ist meistens relativ dicht dran an den Sommermaßnahmen, die in den meisten Kirchenkreisen angeboten werden und Geld kostet die ganze Sache auch noch (1998: Ausgaben 185.000 Mark, Einnahmen 170.000 Mark). Kann ich mich also guten Gewissens hier hinstellen und sagen: es lohnt sich? - Jawohl, das kann ich! Natürlich kann ich das mathematisch nicht nachweisen, weil wir in der Jugendarbeit generell unsere Probleme mit Kosten-Nutzen-Rechnungen haben dürften. Aber unsere Landesjugendcamps haben eine enorme Langzeitwirkung. Das merken wir an uns selbst, wenn wir immer mal wieder alte Geschichten hervorkramen, an die wir uns gerne erinnern; oder an Geschichten, an die wir uns angeblich nicht gerne erinnern, aber trotzdem immer wieder davon erzählen.
Ich glaube aber auch, dass unsere Camps ihre Wirkung bei der - ich hätte beinahe gesagt: werberelevanten - Zielgruppe nicht verfehlen. Die letzten Male war das jedenfalls so: Da war nichts zu spüren von Null-Bock-Generation oder Internet-verdorbenen Eigenbrötlerinnen und -brötlern. Sondern den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist es offenbar mit ihrer Programmvielfalt gelungen, ganz unterschiedliche Bedürfnisse zu befriedigen, vielleicht sogar manche, die die Teilnehmenden vorher selbst nicht kannten. Bei den Camps zeigt sich der Jugendverband "Evangelische Jugend" in seiner ganzen Bandbreite. Hier sind Kirche und Glaube irgendwie anders als zu Hause, da sprudelt im Zusammenwirken von vielen Menschen immer wieder eine ungeheure Kreativität, die vielleicht in der heimischen Gemeinde versickert wäre. Und das hat wiederum Auswirkungen auf das Engage-ment zwischen den Camps. Die meisten fahren mit neuen Ideen und neuer Motivation nach Hause.
Ich will hier nichts überidealisieren. Natürlich gibt es beim Camp auch das Kirchentagssyndrom, dass ein paar Tage alles geil ist, und dann muss man zurück in die staubige Ortskirchentristesse. Aber gerade deshalb sind die Camps wichtig, weil sich die Evangelische Jugend hier als eigenständige Größe präsentiert: als fröhliche, lebens- und weltoffene, manchmal ausgeflippte Gemeinschaft. Das verfehlt seine Wirkung bestimmt nicht, auch wenn nicht alle Jugendlichen zu Hause gleich dafür sorgen wollen, dass Kinder- und Jugendgruppen wie Pilze aus dem Boden schießen.

5. Erfahrungen aus dem Jahr 2000
Wir haben eine Zäsur hinter uns, an die wir nun anknüpfen müssen. Im Jahr 2000 fand kein Landesjugendcamp statt, weil alle Kräfte in die beiden Camps während der EXPO, JAM-City in Hannover und das YouthCamp 2000 in Hildesheim, investiert worden sind. Ich sage bewusst: investiert. Erstens sagen das Politiker auch immer, wenn irgendwo ein finanzielles Minus aufgetreten ist und zweitens gilt für mich auch hier das, was ich eben für die Landesjugendcamps ausgeführt habe. Ich glaube, die Erfahrungen dieser beiden Projekte sind mit Geld nicht aufzuwiegen.
Dabei gehörte ich anfangs nicht zu denen, für die mit dem Entschluss zu den beiden Großprojekten automatisch der Verzicht auf ein reguläres Landesjugendcamp gehörte. Inzwischen sehe ich das etwas anders. Ich wurde damals die Befürchtung nicht los, dass die Vier-Jahres-Pause ein Einschnitt ist, den das nächste Camp in Bezug auf die Teilnehmendenzahlen nicht verkraften könnte. Das verstärkte sich noch, als die Party zum Sachsenhain-Jubiläum, die für mich emotional so etwas wie eine Camp-Ersatzveranstaltung bedeutete, desaströs besucht war (etwa 100 Leute). Auch in diesem Punkt habe ich mit zunehmendem zeitlichen Abstand meine Skepsis abgelegt; aber natürlich liegt es an uns, mit welcher eigenen Begeisterung wir für das Landesjugendcamp, die zentrale Veranstaltung der Evangelischen Jugend in unserer Landeskirche, werben. Der Einschnitt war außerdem gar keiner, denn mit JAM-City und dem YouthCamp 2000 gab es etwas Neues - es gab ja nicht Nichts. Von den Erfahrungen, die dort gemacht wurden - sei es in organisatorischer, kultureller und vor allem auch spiritueller Hinsicht - müssen wir unbedingt profitieren. Viele von uns waren dabei. Dass dieses Know-how in unsere Landesjugendcamp-Planungen einfließt, wünsche ich mir. Es geht auch gar nicht anders.

6. Ökumene - konfessionell und international
Einen Bereich möchte ich hervorheben. Die EXPO hat es mit sich gebracht, dass beide Camps im Jahr 2000 sehr international waren. Jugendgruppen aus aller Welt (JAM-City: über 50 Nationen, YouthCamp 2000: 38 Nationen) waren bei uns zu Gast. Das hieß nicht nur Begegnung unterschiedlicher Kulturen, sondern auch unterschiedlicher Religionen. Die dabei entstandenen Kontakte können unserer evangelischen Jugendarbeit und auch unserem Landesjugendcamp gut tun. Wir haben in der Landesjugendkammer schon öfter festgestellt, dass internationale Begegnungen nicht überall - wie soll ich sagen? - das Top-Event sind. Wir haben selbstkritisch beobachtet, dass auch wir uns sehr oft an unseren innerkirchlichen Strukturen abarbeiten, dabei aber manchmal den Blick für das "Außen" vernachlässigen. Nun hat uns ausgerechnet die EXPO in dieser Richtung einen Schubs gegeben, an den wir anknüpfen sollten.
Und wo wir gerade beim Tellerrand und vor allem beim Darüberhinausschauen sind: Das YouthCamp 2000 war ein Meilenstein, was die konfessionelle Ökumene angeht. Eine solch intensive Zusammenarbeit mit der Katholischen Jugendarbeit, dem BDKJ - wann hat es so etwas zuletzt gegeben? Oder JAM-City: Die Zusammenarbeit mit ganz vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus ganz Deutschland und somit unterschiedlicher Frömmigkeitskultur war manchmal durchaus ein vergleichbares Lernfeld. Oder noch ein Phänomen: In beiden Camps wurden Mönche und Ordensschwestern sehr interessiert von den Jugendlichen wahrgenommen. Und umso erstaunlicher war es dann für viele, dass die eigentlich ganz normale Menschen waren.
Wir haben nach diesen Erlebnissen ganz bewusst einen Vertreter des BDKJ von der Landesbischöfin in die Landesjugendkammer berufen lassen. Für mich heißt das: Ich kann mir ein Landesjugendcamp 2002 ohne katholische Gäste nicht vorstellen.

7. Spaß oder Inhalt?
Bei einer der letzten Sitzungen der Landesjugendkammer brandete eine bekannte Diskussion auf. "Verkommt" das Camp immer mehr zu einer reinen Spaßveranstaltung, bei der die ernsten Inhalte zu kurz kommen? Worauf die Gegenfraktion gleich antwortete: Spaß muss sein! Ich habe es in jener Diskussion gesagt und sage es jetzt noch mal: Ich bin überzeugt davon, dass sich Spaß und Inhalt nicht ausschließen müssen. Man kann ernste Inhalte auch vermitteln, wenn man den moralisch erhobenen Zeigefinger in der Tasche lässt. Und eigentlich bin ich auch überzeugt, dass unsere Camp-Klientel zu einem überwiegenden Teil von selbst merken würde, wann wirklich Schluss mit lustig ist. Die letzten Camps haben eine Menge Spaß gemacht. Aber die Tiefe in den Gottesdiensten und Mitternachtsandachten und das ernste Gespräch mit Zeitzeugen aus Bergen-Belsen hat es gegeben. Ich bin sehr für eine Ausgewogenheit an dieser Stelle. Aber noch einmal: Spaß und Inhalt muss man nicht gegeneinander ausspielen.

8. Gewalt überwinden
"Gewalt überwinden" - So lautet das Schwerpunktthema der Evangelischen Jugend für die nächsten Jahre. Dieses Thema des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) kann und muss ein Prüfstein für die Evangelische Jugend sein, inwieweit es ihr gelingt, dieses Thema für Jugendliche aufzuschlie-ßen - mit Inhalt und Spaß. Das Thema "Gewalt überwinden" wird man in jeder erdenklichen Lebenssituation wiederfinden, niemand muss deshalb Angst haben, dass ein solch schwerwiegendes Motto das Camp einengt oder erdrückt. Hier ist die berühmte Kreativität der Evangelischen Jugend gefragt. Ich habe mich überzeugen lassen, dass in dem heute zu findenden Camp-Motto weder zwangsläufig das Wort "Gewalt" noch das Wort "überwinden" vorkommen muss - und das Thema trotzdem angepackt wird. Der ÖRK hat eine Dekade ausgerufen; Dekade bedeutet zehn Jahre. Vor diesem Hintergrund tun wir gut daran, den Wortlaut des Mottos nicht zu penetrieren, bis es allen zu den Ohren heraushängt. Wohlgemerkt: es geht mir nur um die Verpackung, nicht um den Inhalt. Sonst müssten auch die Camps 2004, 2006, 2008 und 2010 "Gewalt überwinden" heißen.

9. Das war schon immer so
Ich komme zum Schluss. Immer wenn ich gefragt wurde, wie denn so ein Camp eigentlich aussieht, habe ich in wenigen Worten versucht, die Struktur des Ablaufs zu erklären: zentrale Eröffnungsveranstaltung am Freitag Abend, Bibelarbeiten am Samstag Vormittag, tagsüber Workshops und kulturelle Beiträge, abends ein musikalisches Highlight mit anschließender Disko, Sonntag Vormittag ein zentraler Schlussgottesdienst. Dann habe ich noch gesagt: Das kann aber diesmal auch ganz anders werden. Denn im Camp-Leitungskreis ist das anfangs immer so, das eigentlich alles auch ganz anders werden könnte. Muss der Zeltaufbau so sein wie letztes Mal? Wollen wir zentrale oder dezentrale Bibelarbeiten? Sollte das Camp nicht doch einen Tag länger dauern? Tut das Not, dass Freitag nur "unplugged" Musik gemacht wird. Muss sich eigentlich immer alles nach Sprengeln sortieren? Soll es wirklich Alkoholausschank geben?
Diese Fragen werden sicher auftauchen, dafür würde ich meine Hand irgendwo reinlegen. Und hinterher wird es meistens so sein wie sonst auch. Man hat aber immerhin darüber diskutiert. Was jetzt vielleicht ein bisschen bösartig klingt, ist gar nicht so gemeint. Die letzten Camps wurden unterm Strich für sehr gut befunden. Das heißt nicht, das alles so bleiben muss, wie es immer war. Es kann auch alles ganz anders werden. Aber es muss sehr gut werden.

Lothar Veit, Vorsitzender der Landesjugendkammer
9. Juni 2001

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