Zwischen "event"-Kultur und Jugendgruppe

Impulsreferat "Fragen nach einem zeitgemäßen Jugendverbandsverständnis" bei der Landesjugendkammer am 23. Februar 2002

1. Nicht Zukunft, sondern Gegenwart der Kirche
2. Zusammenspiel von Ehren- und Hauptamtlichen
3. "event"-Kultur contra Jugendverbandsarbeit?
4. Zielgruppen und Milieus
5. "Gewalt überwinden" als Querschnittsthema

Thesen


In der Evangelischen Zeitung vom 20. Januar 2002 war unter dem Titel "Jugendkonvent" ein bemerkenswerter Kommentar von Landessuperintendent Hans-Hermann Jantzen abgedruckt. Der Text war meines Wissens weder bestellt, noch war Herr Jantzen von irgendjemandem bestochen worden. Und dennoch war es ein Text, der mir voll aus dem Herzen sprach. Der Landessuperintendent hatte den Sprengeljugendkonvent Lüneburg besucht und war davon offenbar so beeindruckt, dass er sofort ein begeistertes Plädoyer für evangelische Jugendverbandsarbeit niederschrieb.

In dem Text heißt es unter anderem:

"Am vergangenen Wochenende habe ich den Sprengeljugendkonvent Lüneburg besucht. Es war beeindruckend, wie locker und ernsthaft zugleich die 16 jugendlichen Delegierten aus den Kirchenkreisen, dazu einige Hauptamtliche, 'bei der Sache' waren! Da wurde Bericht erstattet und lebhaft diskutiert; Zuschüsse für Freizeiten wurden verteilt und die Aktivitäten des kommenden Jahres geplant.

'Die Sache', um die es ging, war immer: Wie können wir junge Menschen in der Kirche heimisch machen? Wie können wir ihnen so begegnen, dass sie uns nach unserem Glauben fragen? So setzte sich der Konvent gegen die Bedenken vieler Hauptamtlicher dafür ein, das 'Camp für Kids', ein Zeltwochenende für 10-13-Jährige, auch in Zukunft fortzuführen. Die Konfirmanden sollen Kirche noch von einer anderen Seite kennen lernen als nur im Unterricht!"

Landessuperintendent Jantzen leitet seinen Kommentar ein mit einer Frage, die viele von uns ganz aktuell beschäftigt, sei es in der praktischen Arbeit oder in der derzeitigen Debatte über die Änderung unserer Ordnung. Da heißt es:

"Die Jugendarbeit stellt heute für die Gemeinden und Kirchenkreise eine große Herausforderung dar. Wie können wir eine Generation, die im Internet surft und ständig auf der Suche nach neuen ,events' ist, für kirchliche Arbeit interessieren und womöglich für eine verbindliche Mitarbeit gewinnen? Manchen erscheint das nahezu unmöglich. Ist da nicht unsere herkömmliche Jugendverbandsarbeit, die sich in Konventen organisiert und in Gremienarbeit einübt, ein hoffnungslos überholter Weg?"

In unserer Debatte um die Ordnung fragen wir uns ähnlich: Ist unsere Struktur nicht zu starr und zu formalistisch für eine innovative, lebendige Jugendarbeit? Fördert oder erschwert sie die verbandliche Selbstorganisation? Sind die Regelungen in unserer Ordnung nicht genau so bürokratisch und "typisch deutsch", wie wir es in der Erwachsenenkirche oder der "weltlichen" Politik immer wieder kritisieren? Sind sie weltfremd? Landessuperintendent Jantzen schreibt:

"Die Mitglieder des Sprengeljugendkonvents sind nicht weltfremd. Sie wissen sehr wohl, was Jugendliche heute wollen und brauchen. Und sie sind überzeugt davon, dass die Kirche dazu etwas zu sagen hat. Darum liegt ihnen daran, dass die Jugendarbeit nicht aus der Kirche auswandert. Und darum unterziehen sie sich der oft mühsamen Gremienarbeit, lassen sich in die Jugendkonvente delegieren, in den Sprengelbeirat oder die Landesjugendkammer berufen oder sogar in die Landessynode wählen.

Sie haben verstanden: Dieses Netzwerk ist nötig, um Jugendarbeit kirchlich und gesellschaftlich zu verankern und Jugendliche aus ihrer unverbindlichen Haltung herauszuholen. Den jugendlichen Ehrenamtlichen gebührt großer Dank und Anerkennung. Die 'events' wie das nächste Landesjugendcamp oder das 'Camp für Kids' kommen dann ganz von allein."

Aus meiner Sicht ein guter Kommentar zur richtigen Zeit, der mich - wie gesagt - wohltuend überrascht hat. Ich habe noch am selben Tag einen Dankesbrief an Herrn Jantzen gefaxt und darin unter anderem geschrieben:

"Mein Dank geht natürlich auch an den Sprengeljugendkonvent Lüneburg, der Ihnen den für unsere Landeskirche durchaus repräsentativen Eindruck einer engagierten und ernsthaften Jugendverbandsarbeit glaubwürdig vermittelt hat."

Weil vieles von dem, was Landessuperintendent Jantzen in seinem Text schreibt, gut zu mancher aktuellen Diskussion passt, die wir in der Landesjugendkammer führen, möchte ich einige Punkte daraus vertiefen.


1. Nicht Zukunft, sondern Gegenwart der Kirche

Den Satz kennen wir schon, aber man kann ihn nicht oft genug wiederholen. Hans-Hermann Jantzen hat als Antrieb und Motivation der Mitglieder des Sprengeljugendkonvents zwei Kernfragen ausgemacht: "Wie können wir junge Menschen in der Kirche heimisch machen?" und "Wie können wir ihnen so begegnen, dass sie uns nach unserem Glauben fragen?".

Die Fragen lauten nicht (ich überspitze ein wenig eventuelle Wünsche der Erwachsenenkirche): "Wie können wir Jugendliche so hinbiegen, dass sie so früh wie möglich lernen, sich sonntags im Zehn-Uhr-Gottesdienst anständig zu benehmen?" Oder: "Wie kriegen wir es hin, dass möglichst viele Jugendliche sich jetzt schon darauf freuen, später mit ihrer Kirchensteuer unsere Orgelrestaurierung zu finanzieren?" Oder: "Wie kriegen wir es hin, dass Jugendliche für uns ehrenamtlich und kostenlos Arbeiten verrichten, die wir sonst bezahlen müssten?"

Das Ziel muss vielmehr sein, Jugendliche eben nicht nur als Zukunft, sondern als Gegenwart der Kirche zu sehen. Die Evangelische Jugend tut das. In der Erwachsenenkirche ist in diesem Punkt gelegentlich noch ein wenig Überzeugungsarbeit nötig.

1998 haben wir diese Erkenntnis in den Thesen zur Kampagne "...weil wir es wert sind!" geschickt akzentuiert. In der 7. These hieß es damals: "Evangelische Jugend ist eine wertvolle Gemeinschaft, weil es ohne unser ehrenamtliches Engagement (in der Kirche) keine Wege in die Zukunft geben kann." Da steckt drin, dass wir selbstverständlich unsere ehrenamtliche Arbeit innerhalb der Kirche leisten und die Zukunft der Kirche mitgestalten wollen. Die Voraussetzung dafür ist aber, dass Jugendliche und die Evangelische Jugend schon jetzt als gegenwärtige Größe in der Kirche wahr- und ernstgenommen werden. Unserem Selbstverständnis entspricht das jedenfalls.

In einem aktuellen Papier der "Konferenz der hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter" (HAK) findet sich, passend dazu, folgende These:

"Evangelische Jugend anerkennt die Gegenwart von Jugendlichen zweckfrei, nimmt ihre Interessen wahr und anerkennt das Recht auf Förderung ihrer Persönlichkeitsentwicklung."

Das wird begründet mit der Eigenständigkeit des Jugendverbandes:

"Ein eigenständiger Jugendverband ... verweigert sich ... Versuchen der Instrumentalisierung von Jugendarbeit, sei es zum vordergründigen Ausgleich gesellschaftspolitischer Defizite oder als kirchliche und gemeindliche Nachwuchsrekrutierung mit kirchenpolitischen Zukunfts(hinter)gedanken."

In diesen Tagen hat sich die neue Landessynode konstituiert. Hier müssen wir weiterhin unermüdlich den verantwortlichen Delegierten, die von Jugendlichen als "Zukunft der Kirche" sprechen, auch die Gegenwart vor Augen zu halten.


2. Zusammenspiel von Ehren- und Hauptamtlichen

In Landessuperintendent Jantzens Beispiel setzen sich Ehrenamtliche gegenüber Hauptamtlichen durch. Prima! Das meine ich nicht aus Schadenfreude, sondern weil es notwendigerweise zum Einüben demokratischer Spielregeln gehört. Nicht umsonst besteht etwa die Landesjugendkammer mehrheitlich aus Ehrenamtlichen. Nicht umsonst diskutieren wir derzeit, ob nicht Hauptamtliche in der Kammer überwiegend nur mit beratender Stimme teilnehmen sollten. Das Besondere an der Evangelischen Jugend ist aus meiner Sicht, dass bei dieser Diskussion nicht ein kollektiver Aufschrei der Entrüstung aller Hauptamtlichen erfolgt, sondern die das ebenfalls ganz vernünftig finden. Ich hoffe einfach, dass die Hauptamtlichen in der Jugendarbeit, die hier nicht sitzen, das nicht gänzlich anders beurteilen.

Ein Wesensmerkmal eines eigenständigen Jugendverbandes ist ja die Selbstorganisation - und zwar vor allem durch Jugendliche selbst, mit Unterstützung von Hauptamtlichen. Dabei stellt es sich mir als großes Problem dar, dass im Zuge von Kirchenkreiszusammenlegungen, Regionalisierungen und klammheimlichen Umwidmungen von Stellen für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen die Personaldecke stetig ausgedünnt wird.

Wo aber Hauptamtliche für Jugendarbeit fehlen und auch die Pfarrämter unentwegt über weniger Stellen bei zunehmender Arbeit klagen, fällt Jugendarbeit oft "hinten runter", weil sie dann nicht mehr als Kern- und Pflichtaufgabe verstanden wird und obendrein gelegentlich unbequem und undankbar sein kann.

Die fehlende Unterstützung Hauptamtlicher wirkt sich unmittelbar auf die Jugendarbeit und vor allem auf die Verbandsstruktur aus. Es gibt Ausnahmen: Jugendliche, die darum kämpfen, dass ein Kirchenkreisjugendkonvent eingesetzt wird oder eine Stelle für Jugendarbeit geschaffen oder wiederbesetzt wird. Jugendliche, die den Weg nicht scheuen zu Kirchenkreisvorständen oder Superintendenturen und sich durchbeißen und hartnäckig bleiben. Aber es sind tatsächlich Ausnahmen, und wer wollte es anderen Jugendlichen verübeln, wenn sie ihre Zeit und Kraft nicht in die Auseinandersetzung mit dem großen Apparat Kirche investieren, um die Voraussetzungen für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zu schaffen?

Hier möchte ich an den ersten Punkt anknüpfen: Jugendliche als "Gegenwart der Kirche" ernstzunehmen, heißt unter anderem, dass ein Kirchenvorstand oder ein Kirchenkreisvorstand dafür zuständig sind, dass es in ihrem Bereich einen Jugendkonvent gibt. Nicht ein fitter Kreisjugendwart muss das initiieren, schon gar nicht die engagierten Jugendlichen selbst, sondern die Repräsentanten der Erwachsenenkirche. So steht es jedenfalls in der Ordnung der Evangelischen Jugend. Aber wo passiert das? Immerhin haben ein Mitglied des Kirchenvorstandes oder des Kirchenkreisvorstandes laut unserer Ordnung Sitz und Stimme in den Konventen. Wo wird das wahrgenommen?

Ein funktionierender Jugendverband bietet die Gewähr, dass Interessen von Kindern und Jugendlichen artikuliert werden können und letztlich auch den richtigen Adressaten erreichen. Ich sehe diesbezüglich zu unserer Konventsstruktur keine Alternative.

Dafür ist das Zusammenspiel von Ehren- und Hauptamtlichen nötig. Ich habe oben den deprimierendsten Fall beschrieben. Das Netz von Kreisjugenddiensten und Diakoninnen oder Diakonen für Jugendarbeit ist in unserer Landeskirche noch einigermaßen flächendeckend. Doch das bloße Vorhandensein einer Stelle für Jugendarbeit garantiert natürlich noch nicht automatisch ein erfolgreiches Miteinander von Ehren- und Hauptamtlichen.

Ich finde eine Diskussion, die die HAK derzeit führt, ausgesprochen wichtig. Es geht darin um Verbindlichkeit, Selbstverpflichtungen und die Bedeutung der Kreisjugenddienste als Geschäftsstellen des Verbandes der Evangelischen Jugend. Diese Geschäftsstellen-Funktion kann und muss manchmal zur Interessenkollision zwischen Jugendverband und Kirche führen. Die Evangelische Jugend hat nun einmal eine Zwitter-Rolle. An vorderster Stelle muss aber immer das Interesse von Kindern und Jugendlichen stehen, deren Sprachrohr die Konvente - also die gewählten Organe des Verbandes - sind oder sein sollten.

Ein interessanter Gedanke steht in einem Antrag zur jüngsten HAK. Dort heißt es:

"Die Kreisjugenddienste haben die Pflicht und Aufgabe, Beschlüsse des Jugendverbandes aufzunehmen und umzusetzen. ... Es gibt an dieser Stelle die Notwendigkeit, Umsetzungen einzuklagen und zu kontrollieren ... . Richtlinien ... könnten hier mehr Verbindlichkeit schaffen, indem deutlich wird, dass bei einer Nicht-Einhaltung und -Umsetzung von Beschlüssen Konsequenzen und Sanktionen erfolgen können."

Es mag vielleicht vordergründig für manche von uns spannend sein sich auszumalen, welche Sanktionen das im Einzelnen sein könnten. Aber ich finde es sehr beachtlich, mit welcher Deutlichkeit hier über eine Selbstverpflichtung diskutiert wird, die mehr sein soll als ein Lippenbekenntnis oder ein weiteres schönes Papierchen für die Akten. Es geht im Sinne eines funktionierenden Jugendverbandes um die Abkehr von Beliebigkeiten und um eine Stärkung der Evangelischen Jugend, nicht um eine sinnfreie Drohkulisse. Um mit dem Titel der neuen "Gegen den Trend"-Arbeitshilfe zu sprechen: Respekt!

Wir wissen aber auch, dass die Gremien in der Evangelischen Jugend für viele Jugendliche nicht gerade das "event" sind, für das sie gern ihre Freizeit opfern. Wir sind mit der Diskussion, wie wir die Gremienarbeit attraktiver gestalten können, noch lange nicht am Ende. Leider muss ich an dieser Stelle auch meine Ratlosigkeit eingestehen. Während der von der Landesjugendkammer angeregte und vom jugendpolitischen Ausschuss (JPA) umgesetzte Fragebogen zur Gremienarbeit einen ordentlichen Rücklauf hatte, kann man das von dem daraus resultierenden Seminar "Expedition in die Lässigkeit der Gremienarbeit" nicht behaupten (wobei ich den Titel wirklich spannend fand). Ich kenne die Ergebnisse der Umfrage noch nicht im Einzelnen, aber die einzige Erklärung müsste ja sein, dass in unseren Gremien alles so geil ist, dass das Seminar nicht nötig ist. Leider glaube ich das nicht.


3. "event"-Kultur contra Jugendverbandsarbeit?

Noch einmal zurück zu Landessuperintendent Jantzen. Ist unser Jugendverbandsmodell in der schnellebigen Zeit der "events" veraltet? Mal ganz davon abgesehen, dass heute ja auch Dinge "events" genannt werden, die früher vielleicht Gemeindefest oder Gartenparty hießen. Hans-Hermann Jantzen hält die Struktur des Jugendverbands für nötig und zeitgemäß. Ich natürlich auch, sonst wäre ich hier falsch.

Aber muss man nicht trotzdem kontinuierlich danach fragen, wie evangelische Jugendarbeit auf gesellschaftliche Veränderungen angemessen reagieren kann? Wir kennen das von unserem Landesjugendcamp, das ohne Zweifel immer ein "event" gewesen ist und dieses Jahr sicherlich wieder eines sein wird. Was passiert mit den Jugendlichen, wenn sie vom Camp zurück sind? Wieviele davon gehören einer klassischen Jugendgruppe an? Wieviele interessiert es, was der örtliche Kirchenkreisjugendkonvent treibt? Wieviele haben das Wort überhaupt schon einmal gehört?

Während die HAK über Verbindlichkeit in den eigenen Reihen diskutiert, sinkt die Verbindlichkeit vor allem bei den Jugendlichen. Man hat Glück, wenn sich jemand zu einem Seminar oder einem Projekt anmeldet. Man hat noch mehr Glück, wenn der- oder diejenige dann auch wirklich dabei ist. Man hat immerhin Glück im Unglück, wenn sich jemand rechtzeitig abmeldet. Man hört dann gelegentlich: "Ach, das war gestern?" oder "Wenn ich davon gewusst hätte, wäre ich bestimmt gekommen." Das sind Alltagssituationen, mit denen wir irgendwie umgehen müssen. Nur wie?

Es gibt einen Antrag mehrerer Jugendverbände an die Vollversammlung des Landesjugendringes im März 2002. Darin wird zu Recht angesichts gegenläufiger Tendenzen gefordert, dass die Förderung kontinuierlicher jugendverbandlicher Arbeit nicht zugunsten von kurzfristiger Projektförderung zurückgenommen werden darf. Dort heißt es:

"Gesellschaftliche Herausforderungen, politische Einschätzungen der Fachministerien für den Bereich der Jugendhilfe, der Erfolgsdruck der PolitikerInnen lassen ein Anwachsen der 'Sofortprogramme und Projekte' als Allheilmittel zur Prävention gesellschaftlicher, die Jugend betreffende Problemanzeigen erkennen. Durch finanzielle Unterstützung werden Projekte aufgelegt, die häufig eher der Profilierung der PolitikerInnen und des Veranstalters zu dienen scheinen, aber keine Linie der Nachhaltigkeit und Lebensweltveränderung der Jugendlichen erkennen lassen."

Der Antrag hält dieser Besorgnis erregenden Entwicklung einige Punkte entgegen, die ich hier zusammenfassend auflisten möchte:
  • Die kontinuierliche Ausprägung von Jugendverbandsarbeit mit sich regelmäßig treffenden Gruppen ist Präventionsarbeit. Hier üben Kinder und Jugendliche in einem längerfristigen Prozess soziales Verhalten ein.
  • Jugendverbandsarbeit bietet jungen Menschen selbstorganisierte, demokratische Beteiligungsformen.
  • Die Jugendgruppenarbeit der Jugendverbände begleitet Kinder und Jugendliche durch unterschiedliche Entwicklungsphasen.
  • Jugendarbeit darf nicht in eine sogenannte moderne, progressiv und zukunftsorientiert anmutende Projektarbeit und eine sogenannte altmodisch, konservative und im Auslauf begriffene Arbeit auseinander dividiert werden. Die kontinuierliche Arbeit ist nötig als Basis, auf der sich innovative Projekte entwickeln lassen.
Letzteres meint Landessuperintendent Jantzen mit seinem Satz vom jugendverbandlichen "Netzwerk", das nötig ist, "um Jugendarbeit kirchlich und gesellschaftlich zu verankern und Jugendliche aus ihrer unverbindlichen Haltung herauszuholen. ... Die 'events' wie das nächste Landesjugendcamp ... kommen dann von ganz allein."

So sehr ich den vier oben genannten Punkten persönlich voll zustimmen kann - ich erinnere mich an eine (regelmäßig wiederkehrende) Diskussion über das Verhältnis von Spaß und Inhalt beim Landesjugendcamp. Haben wir da nicht auch zwei Dinge auseinanderdividiert, die eigentlich zusammengehören müssen, wenn wir unserem jugendverbandlichen Anspruch gerecht werden wollen? Und wie schaffen wir es, dass sich Jugendliche auf unseren jugendverbandlichen Anspruch einlassen und davon profitieren?

Wenn ich an das YouthCamp 2000 und JAM-City zurückdenke, finde ich eine These bestätigt: Die Camps hätten nicht stattfinden können ohne die kontinuierliche Jugendverbandsarbeit in Kirchenkreisen und Gemeinden. Denn solche Gruppen waren es, die durch ihre Beiträge und Inhalte die Camps lebendig gemacht haben. Wer, wenn nicht die bestehenden Jugendgruppen, hätte monatelang die jugendlichen EXPO-Besucher bespaßen sollen (um es nur mal auf den 'event'-Charakter zu verengen)? Die christlichen Jugendverbände hingegen haben sogar noch mehr geleistet: Sie haben Spaß, Inhalt und jugendgemäße Spiritualität verbunden.

In dem Papier über Großveranstaltungen von Stefan Riepe, dass als Anlage dem letzten Kammer-Protokoll beigefügt war, wird zwar auf Großveranstaltungen als "eigenständige Form von Jugendverbandsarbeit" hingewiesen. Aber ich widerspreche dem Papier nicht, wenn ich sage, dass diese eigenständige Form nur funktionieren kann, wenn sie in jugendverbandliche Kontinuität eingebettet ist.


4. Zielgruppen und Milieus

Ich möchte noch ein paar Überlegungen bezüglich unserer Zielgruppen anstellen, die mich schon lange beschäftigen. Die Evangelische Jugend erreicht nicht jeden, sondern, so ist mein Eindruck, viele GymnasiastInnen und wenig HauptschülerInnen, um es auf eine kurze Formel zu bringen. Machen wir das absichtlich? Kann man daran nichts ändern? Wollen wir es ändern? Wenn manche meinen Befund beispielsweise für ihre Jugendgruppe nicht bestätigen können, dann doch wenigstens für unsere Gremien. Womit laden wir Jugendliche ein, womit grenzen wir sie aus? Wieder eine Frage, die ich nur in den Raum stelle und eigentlich nicht beantworten kann (weil ich mal Gymnasiast war).

Die Shell-Studie 2000 sagt übrigens ähnliches und weitet den Befund sogar auf Vereinszugehörigkeit generell aus. Interessant ist allerdings, dass die Shell-Studie den in einer kirchlich-konfessionellen Jugendgruppe organisierten Jugendlichen viele Eigenschaften zuspricht (mehr als anderen), die sich durchaus sehen lassen können. Zu einem höheren Prozentsatz als für Jugendliche in anderen Vereinen oder ohne Vereinsbindung gilt laut Shell-Studie für Mitglieder einer kirchlichen Jugendgruppe:

  • sie haben eine große Gewissheit, ihre Zukunft gestalten zu können
  • sie haben eine hohe Mobilitätsbereitschaft
  • sie haben Interesse an Politik
  • sie sind eher leistungs- als genussorientiert
  • sie ziehen die Rücksicht auf andere den eigenen Interessen vor
Das sind alles Schlüsselqualifikationen, nach denen sich Arbeitgeber eigentlich die Finger lecken müssten. Diese Qualifikationen erwirbt man eher nicht bei einem "event", sondern offensichtlich im Jugendverband, auch wenn die Shell-Studie in ihren Fragebögen noch einmal unterscheidet zwischen kirchlich-konfessionellen Jugendgruppen und Jugendverbänden (z.B. Pfadfinder) - wobei diese Unterscheidung wahrscheinlich eher auf Unkenntnis bezüglich unserer Zwitter-Rolle als auf wissenschaftliche Differenzierung zurückzuführen ist. Ich vermute also, dass die Ergebnisse für beide Gruppen identisch sind und sehe hier wiederum handfestes Argumentationsmaterial für die Bedeutung von Jugendverbänden.

Die Evangelische Jugend trägt also erheblich zur Persönlichkeitsbildung bei und nimmt außerdem eindeutig einen Bildungsauftrag wahr, aber wohl tatsächlich nur in einem bestimmten Milieu. Unsere Landesbischöfin hat in ihrem Synodenbericht Ende November schwerpunktmäßig zum Thema "Bildung als Herausforderung an die Kirche" gesprochen. Die Verknüpfung und Kooperation von Kirche und Schule war ihr dabei wichtig. Es ist schade, aber vielleicht bezeichnend, dass in ihren langen Ausführungen die Evangelische Jugend bzw. die Rolle des Jugendverbandes nicht vorkommt. Man wird sehen müssen, was die Koppelung von Jugendarbeit und Bildung in einem Ausschuss der neukonstituierten Landessynode (während es bislang einen "reinen" Jugendausschuss gab) mit sich bringt.


5. "Gewalt überwinden" als Querschnittsthema

Eigentlich wollte ich nun noch eine Überleitung zu unserem Schwerpunktthema "Gewalt überwinden" hinkriegen. Vielleicht so: Das Thema "Gewalt überwinden" kommt in allen bisher genannten Punkten schon mehr oder weniger vor. Zu Punkt 1.: Wenn Jugendliche auf die "Zukunft der Kirche" reduziert werden und sie für politische Zwecke instrumentalisiert werden, wird ihnen Gewalt angetan. Die Evangelische Jugend will diese Gewalt überwinden. Zu Punkt 2.: Das gute Zusammenspiel von Ehren- und Hauptamtlichen in verbandlichen Strukturen ist die Voraussetzung für das Einüben demokratischer Spielregeln. Wer in diesem Sinne sozialisiert ist, sieht (zumindest körperliche) Gewalt nicht als Option für Konfliktlösungen an. Zu Punkt 3.: Wer auf dauerhafte Jugendverbandsarbeit setzt, begleitet Kinder und Jugendliche in unterschiedlichen Lebensphasen und wirkt so kontinuierlich Gewalt-präventiv. Zu Punkt 4.: Jugendverbandsarbeit fördert Schlüsselqualifikationen und leistet so einen wichtigen Beitrag zu einer demokratischen, gewaltfreien Gesellschaft.

Soll heißen: das Thema ist für uns nicht neu, sondern immer schon ein Querschnittsthema gewesen. Es ist automatisch Bestandteil einer funktionierenden Jugendverbandsarbeit. Die Dekade "Gewalt überwinden" gibt aber wichtige Impulse, sich die verschiedenen Formen von Gewalt noch bewusster zu machen. Auch hier zeigt sich wieder die Stärke des Jugendverbandes: Die Vorbereitungen für das Landesjugendcamp laufen derzeit flächendeckend. Und es ist faszinierend, mit welcher Kreativität und Energie in den Kirchenkreisen und Gemeinden Projekte und Aktionen geplant werden, die ganz nah am Thema sind.

Während die eben aufgezählten Punkte sich allerdings bislang in unserem kleinen Kreis bewegen, macht uns das Thema darüber hinaus deutlich, dass es auf dieser Welt noch mehr Länder gibt als das eigene. Damit haben wir zum Beispiel dem amerikanischen Präsidenten eine wichtige Erkenntnis voraus.

Deutlich wird das unter anderem an unserer Plakatwandaktion, die als Auftakt für die Beschäftigung mit unserem Schwerpunktthema gelungen ist (und nebenbei nur in unseren jugendverbandlichen Strukturen so möglich war): Die dargestellte und zu überwindende Gewalt auf den Plakaten beschränkt sich nicht auf Deutschland, sondern nimmt auch etwas auf von der Angst vor Terrorismus und kriegerischen Bedrohungen, die derzeit leider wieder hochaktuell sind.

Die ernsthafte Beschäftigung mit solchen aktuellen Themen, die jenseits der oft zitierten "Spaßgesellschaft" liegen (siehe erneut der Kommentar von Landessuperintendent Jantzen), sind wiederum eine Stärke der Jugendverbände, vielleicht speziell der christlichen. In solchen Situationen wird mir klar, warum wir bewusst "Evangelische" Jugend als Teil der Kirche sind. Gerade in den jüngsten Zeiten von Terror und Krieg haben die Kirchen gezeigt, dass sie Rat und Trost suchenden Menschen Raum geben können. Vielleicht keine gültigen und zufrieden stellenden Antworten, aber immerhin Schutzraum. Dieser Kirche kann sich die Evangelische Jugend getrost verbunden fühlen.

Zu unserer Plakatwandaktion haben Thorsten Tripmaker und ich einen Brief an die Kirchenkreise geschrieben, in dem wir darauf hinweisen, dass wir uns mit unserer Aktion "Auf Dich kommt es an!" zu unserer eigenen Verantwortung im Kampf gegen Gewalt bekennen. Oft fühlen wir uns ohnmächtig angesichts der vielen Krisen auf der Erde. Aber wir bauen unsere Hoffnung darauf, dass jede und jeder im eigenen kleinen Bereich dazu beitragen kann, dass die Gewalt weniger wird. Deshalb möchte ich wie in dem Brief mit einem Zitat frei nach Carl Friedrich von Weizsäcker enden: "Die Evangelische Jugend hat nicht den Auftrag, die Welt zu verändern. Aber wenn sie ihren Auftrag erfüllt, verändert sie die Welt."

Lothar Veit
Vorsitzender der Landesjugendkammer
21. Februar 2002


Thesen:

1. Es gibt keine Alternative zur Konventsstruktur unseres Jugendverbandes.
2. "events" brauchen eine Einbettung in jugendverbandliche Kontinuität.
3. Unsere Arbeit ist nur für bestimmte Milieus attraktiv, andere grenzen wir aus.
4. Jugendverbände sind in der Lage, der reinen "Spaßgesellschaft" Inhalte entgegenzusetzen.

zurück

© 2001-2015 >> WebDesign: Lothar Veit, Hildesheim