Mit Promis und Musik gegen Gewalt

2.300 Jugendliche feiern mit Sigmar Gabriel und Margot Käßmann in der Peiner Diskothek "Eastside"

Von Lothar Veit

Foto: Lothar Veit Als Moderator Norbert Grundei von N-Joy-Radio die Bühne betritt, kreischt das Publikum, als sei auch er ein Star. Es geht los: 2.300 Jugendliche haben sich in der Peiner Diskothek "Eastside" versammelt, um für "Mehr Toleranz und gegen Gewalt" zu demonstrieren. Oder doch nur, um die Top-Stars Cappuccino, Jeanette und Ayman zu hören? Egal, das Motto prangt über der ganzen Veranstaltung, und schließlich sind auch Ministerpräsident Sigmar Gabriel und Landesbischöfin Margot Käßmann gekommen, um die Wichtigkeit der Botschaft zu unterstreichen.

Der Ministerpräsident findet die Fete gut. "Die Neonazis können solche Partys nicht organisieren" ruft er dem jubelnden Publikum zu. Und außerdem sollte sich "die große Mehrheit, die friedlich ist und sich zur Demokratie bekennt, so oft wie möglich treffen und gemeinsam feiern". Denn so ein ernstes Thema könne auch mit Spaß behandelt werden. Landesbischöfin Käßmann erntet mit nachdenklichen, selbstkritischen Statements Respekt: "Die christlichen Kirchen haben viel zu lange Gewalt geduldet oder sogar gefördert". Damit sei jetzt Schluss. Denn die Kirche habe sich für die ersten zehn Jahre des neuen Jahrtausends ein umfangreiches Programm zur Überwindung von Gewalt vorgenommen.

Foto: Lothar Veit Nach der Eröffnung traut sich die Bischöfin in die Menge. Bei der Sängerin Jeanette, bekannt aus der Fernsehserie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" wundert sie sich, mit wie wenig Aufwand man viel Geld verdienen kann. Die junge Blondine auf der Bühne ist eine deutsche Nachbildung von Britney Spears und "singt" Voll-Playback. Vereinzelt beantwortet die Bischöfin Fragen der überwiegend zwischen 14 und 18 Jahre jungen Jugendlichen. Wie war das mit der Holzhammer-Mission? Die Bischöfin gibt zu, dass die Kirche Schuld auf sich geladen habe. Das beeindruckt die Fragenden, die nur vereinzelt den Kontakt zu den (nicht-musikalischen) Promis suchen. Viel begehrter sind da Autogramme, die sowohl Käßmann und auch Gabriel massenhaft geben dürfen.

Foto: Lothar Veit Das Programm verzögert sich. Eigentlich war noch eine Diskussionsrunde auf der Bühne geplant. Doch die Stimmung ist durch die Musik inzwischen so aufgeheizt, dass auf lange Wortbeiträge niemand mehr Lust hätte. Auch der Ministerpräsident nicht. Sprach's und verschwand. Bischöfin Käßmann, die eigentlich um 20 Uhr wieder den Heimweg antreten wollte, bleibt immerhin bis 21.15 Uhr. Dann fügt auch sie sich dem aus den Fugen geratenen Zeitplan. Als beide weg sind, kommt Christian Wulff, CDU-Fraktionsvorsitzender im Landtag. Er wird ebenfalls auf ein kurzes Statement beschränkt, dann geht die Party weiter. Margot Käßmann ist trotzdem davon überzeugt, dass das Motto der Veranstaltung nicht in den Hintergrund gerät: "Es wäre ein Riesenerfolg, wenn durchsickert, dass es positiv ist, sich gegen Gewalt einzusetzen". Da niemals 2.300 Jugendliche in die Kirche kommen würden, um sich derartige Botschaften anzuhören, müsse sie halt in die Disko gehen - das erste Mal seit 20 Jahren übrigens.

(zuerst erschienen in der Evangelischen Zeitung am 10. Juni 2001)

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