Nur "Pussy aus Hanau" überlebt

In Bodo Kirchhoffs neuem "Schundroman" spielt die Goldschmiedestadt eine prägende Rolle - Parallelen zu Walsers "Tod eines Kritikers"

Bei amazon.de bestellen? FRANKFURT. "Das Sizilianische unseres Literaturbetriebs lieferte die Notwehrlage für diesen Roman aus der Hüfte", verteidigt der Autor Bodo Kirchhoff sein neues Buch gleich im Vorwort. Er hat es folgerichtig "Schundroman" genannt und nichts ausgelassen, um dem Genre gerecht zu werden. Dazu gehören Klischees, dass es nur so trieft: Während der Hauptteil des Romans in der Metropole Frankfurt spielt, stammt eine seiner Figuren aus "bescheidenen Verhältnissen" - aus Hanau.

Den Versuch war es wert. Im Sog des Skandals um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers" tauchte vor wenigen Wochen mit Kirchhoffs "Schundroman" plötzlich ein zweites Buch auf, in dem ein berühmter Literaturkritiker - die Ähnlichkeit mit Marcel Reich-Ranicki nur schwach verhüllt - umgebracht wurde; bei Walser nur gerüchteweise, bei Kirchhoff hingegen tatsächlich, wenn auch aus Versehen. Weil über Martin Walsers Roman schon fast alles gesagt schien, obwohl der Roman noch gar nicht auf dem Markt war, verlegte der Suhrkamp Verlag den Erscheinungstermin kurzerhand vor. Die Frankfurter Verlagsanstalt, in der Kirchhoffs "Schundroman" eigentlich erst im Herbst erscheinen sollte, zog hastig nach.

Inzwischen ist "Tod eines Kritikers", wie nicht anders zu erwarten, auf Platz 1 der Bestsellerliste geklettert. Auch der "Schundroman" verkauft sich gut. Die Frankfurter Verlagsanstalt plant nach eigenen Angaben bereits die vierte Auflage. Beide Romane sind Schlüsselromane, die eine Vielzahl von Detektiven auf den Plan gerufen haben, die nach den realen Vorbildern der literarischen Figuren forschen. Bei Bodo Kirchhoff tauchen neben Reich-Ranicki (im Roman "Louis Freytag") unter anderem Johannes B. Kerner ("Jan C. Bartels aus der Schule des ZDF-Sportstudios"), Harald Schmidt ("der berühmte schwäbische Night-Clown, eine lange Gestalt mit Hand an der Brille") und der leibhaftige Bundeskanzler auf.

Die Story: Der Auftragskiller Willem Hold soll während der Frankfurter Buchmesse einen windigen Geschäftsmann töten und verliebt sich dabei in eine Frau, die später ebenfalls ermordet wird. Hinter dieser Frau wiederum sind die Privatdetektive Helene Stirius und Carl Feuerbach her, weil sie verdächtigt wird, ihrerseits durch einen Mord ein Picasso-Gemälde ergaunert zu haben. Dann ist da noch Vanilla Campus-Busche, die bis zu einem legendären Ausrutscher Nachrichtensprecherin bei der "Tagesschau" war, danach Profi-Prominente wurde und rechtzeitig zur Buchmesse ihr erstes Buch veröffentlicht hat, eine Sexfibel namens "Bodymotion".

Vanilla Campus-Busche wird im Verlauf des Romans zur Witwe (sie war mit dem Geschäftsmann verheiratet), ist außerdem die Geliebte eines Skandalautors, der ebenfalls stirbt (aus Angst davor, umgebracht zu werden) und hat am Ende eine Affäre mit dem Killer, der für alle Morde verantwortlich zeichnet. In einem Fernsehinterview spricht Jan C. Bartels mit Vanilla Campus-Busche über ihre Herkunft: "Du kommst aus eher bescheidenen Verhältnissen..." - "Meine Mutter arbeitete in einem Friseursalon in Hanau, dort bin ich auch zur Schule gegangen." - "In Hanau." - "Ja, mein Vater war Invalide." Diesen sinnfreien Dialog verfolgt auch der Auftragskiller Willem im Fernseher seines Hotelzimmers und beschließt, "Pussy aus Hanau", wie er sie fortan nennt, bei Gelegenheit ebenfalls zu töten.

Bei amazon.de bestellen? Was in der Zusammenfassung etwas wirr klingt, ist es im Buch auch - allerdings höchst amüsant erzählt. Darin unterscheidet sich Kirchhoffs temporeiche Satire des Literaturbetriebs vom Roman "Tod eines Kritikers", in dem Martin Walser zwar auch witzig sein will, was ihm aber in seiner Verbissenheit nicht gelingt. Bei Kirchhoff ist die Ermordung des Kritikers reine Nebensache, nicht mehr als ein Gag. Dafür konnte er es sich nicht verkneifen, in seinem Buch einen älteren Schriftsteller unter Mordverdacht zu stellen, von dem angeblich ein Manuskript namens "Tod eines Kritikers" kursiert. Sein Name: Kristlein - eine alte Walsersche Romanfigur.

Auf den letzten Seiten des "Schundromans" begegnet uns schließlich ein gewisser Signore Franz, ein Schriftsteller, der wie Bodo Kirchhoff zeitweise am Gardasee lebt und so beschrieben wird, dass er wohl in etwa so aussehen muss wie der auf dem Buchumschlag abgebildete Kirchhoff. Er schreibt Krimis und antwortet auf die Frage von "Pussy aus Hanau", ob denn bei ihm der Täter erst auf der letzten Seite entlarvt werde, etwas patzig: "Nur Schwachköpfe wollen auf der letzten Seite erfahren, wer der Mörder ist. Vernünftige Menschen fragen sich, wer wen am Ende lieben könnte." So geschieht es: Während der Großteil des Personals tot ist, liegen sich am Ende immerhin die Privatermittler Carl und Helene in den Armen, während der Killer und "Pussy aus Hanau" eine Liebesnacht im Flugzeug verbringen.

Für Vanilla-Pussy wurde übrigens noch kein lebendes Vorbild aus der Medienbranche aufgespürt. Ihre Biographie - Tagesschausprecherin, die nach einem Skandal Berufsprominente wird - weist allerdings verdächtige Parallelen zu der von Susan Stahnke auf, die einst wegen freizügiger Fotos ihre Karriere als Tagesschausprecherin aufgeben musste und danach hauptsächlich Prominenz durch ihre kläglich scheiternden Versuche, in Hollywood Fuß zu fassen, erlangte. Stahnke stammt aber gebürtig aus Hameln, und wer wollte das mit Hanau vergleichen?

Lothar Veit (HA/df)

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Kirchhoff, Bodo: "Schundroman". Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3627000951. Gebunden, 320 Seiten, 19,80 EUR

(erschienen im Hanauer Anzeiger am 19. Juli 2002)

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