"Katholisch sein ist revolutionär genug"

Kabarettist Matthias Brodowy brilliert mit seinem Programm "Voll ins Schwarze" in der Pfarrgemeinde Guter Hirt

(lv) Bevor es losgeht, verspricht Matthias Brodowy, auch aus Eigeninteresse, sein Publikum über den Stand des Fußballspieles Deutschland-Brasilien auf dem Laufenden zu halten. Sein Kabarettabend "Voll ins Schwarze" in der Pfarrgemeinde Guter Hirt beginnt kurz nach Ende der ersten Halbzeit. Es sitzen mehr Frauen als Männer im Publikum. Insgesamt sind rund 80 Zuschauer ins katholische Gemeindezentrum gekommen. Sie haben sich gegen das pralle Konkurrenzprogramm aus Uni-Sommernacht und Schützenfest entschieden. Und sie würden es wieder tun.

Matthias Brodowy eröffnet sein Programm mit bedeutenden theologischen Fragen: Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Was mache ich hinterher? Und was kostet mich der Spaß? - Die erste Frage ist schnell geklärt. Brodowy erblickt 1972 in Braunschweig das Licht der Welt, wächst in Wolfsburg und Hildesheim (zwei Jahre Himmelsthür) auf und siedelt dann nach Hannover über. Er absolviert die klassische Kabarettistenausbildung: Messdiener, Organist, neun Semester Studium der katholischen Theologie. Dann kommt ihm der Niederrheinische Kabarettpreis dazwischen, überreicht von Hanns Dieter Hüsch. Er bricht das Studium ab und tourt seitdem emsig durchs Land.

Abseits dessen, was im Fernsehen als Comedy bekannt ist, zeigt Brodowy sich als Kabarettist der alten Schule. Politisches Kabarett wolle er allerdings nicht mehr machen, verkündet er. "Über den derzeitigen Zustand der SPD kann man kein Kabarett machen, das wäre zynisch." Und liefert im Anschluss natürlich doch eine halbe Stunde lang allerfeinste politische Sticheleien ab - unabhängig und überparteilich. Franz Müntefering, so erinnert er, hatte über seine Wahl zum Parteivorsitzenden frohlockt, dieses Amt sei das schönste neben Papst. "Ich denke aber, Ratzinger ist froh, dass er nicht SPD-Vorsitzender ist."

Auch Edmund Stoiber bekommt sein Fett weg. In einer glänzenden Parodie (von denen er gern noch mehr hätte zeigen können) zitiert er dessen Einsichten zum Thema PISA: "Eehh, schaun's, Frau Christiansen, eehh, wir, eehh, müssen unseren Kindern, eehh, wieder besseres Deutsch lernen." Ähnlich wie Altmeister Hüsch reichert Brodowy sein Programm mit eigenen Liedern an und begleitet sich selbst am Piano. Dabei beweist er nicht nur aufs Neue seine außerordentliche Sprachfähigkeit, sondern auch sein Gespür für gute Melodien.

Den zweiten Teil gestaltet der Hannoveraner dann doch mehr im Stile der Stand-Up-Comediens. Die Themen werden etwas seichter, die Lacher dafür etwas lauter. Brodowy spricht "Tabuthemen" wie Körpergeräusche und Nasenhaare an. Das zieht, das kennt jeder. Und es ist die Folge einer Schlagzeile, die ihn beflügelt hat, "brutaler" zu werden. "Der perfekte Schwiegersohn" titelte eine Zeitung über ihn - eine Charakterisierung, wie sie für einen Kabarettisten vernichtender nicht sein könnte. Und dann die Angst, dass es stimmen könnte. "Ich hatte in meiner Jugend keine revolutionäre Phase", sagt Brodowy und empfindet das in seinem tiefsten Inneren als Makel. "Dabei sagen mir manche, katholisch sein ist doch schon revolutionär genug!"

Vielleicht mag er auch das nicht hören, aber Matthias Brodowy ist auf der Bühne sympathisch, auch bei Fäkalwitzen. Er hat es nicht nötig, um der Provokation willen zu provozieren. Er macht nachdenklich, ohne sich im Ton zu vergreifen. Er erzählt Alltagsgeschichten, ohne auf Kosten anderer billige Pointen zu erzielen. Sein Kabarett ist intelligent und virtuos. Große Freude beim Publikum, als er bekannt gibt, dass er im zweiten Halbjahr 2006 wieder nach Hildesheim kommen will. Und schließlich: Deutschland hat 2:3 verloren. "Man gut, dass Sie das nicht gesehen haben."

(erschienen in der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung am 27. Juni 2005)

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