"Wettbewerbe gehen mir am Arsch vorbei"

HAZ-Interview mit Heinz Rudolf Kunze / Lesung im Vier Linden aus dem aktuellen Buch "Artgerechte Haltung"

Von Lothar Veit

HILDESHEIM. Am morgigen Mittwoch liest der Rockpoet Heinz Rudolf Kunze im Vier Linden aus seinem neuen Buch "Artgerechte Haltung". Begleitet wird er vom Gitarristen Wolfgang Stute. HAZ-Redakteur Lothar Veit sprach mit Kunze über seine Beziehung zu Hildesheim, den Karikaturenstreit und den "Bundesvision Song Contest".

HAZ: Ihre Lesung ist eine Benefizveranstaltung für den finanziell klammen Verein "Kunst & Kultur Vier Linden". Welche Verbindung haben Sie zum Vier Linden?
Heinz Rudolf Kunze: Eine langjährige. Ich habe des Öfteren schon dort gastiert, sei es mit der Band, sei es in kleiner Besetzung oder mit meinen literarischen Programmen. Ich finde, es ist ein sehr sympathischer Club.

Gibt es persönliche Beziehungen?
Ja, ich kenne den Uwe Brennecke (Geschäftsführer des Vier Linden, Anm. d. Red.) seit vielen Jahren und habe auch schon einmal vor ein paar Jahren einen Aufsatz in Ihrer Zeitung geschrieben, als die Schließung des Clubs drohte (Kunze bezeichnete das Vier Linden in der HAZ vom 25. Oktober 2002 als "echtes Juwel mit bundesweitem Ruf").

Was fällt Ihnen noch zu Hildesheim ein?
Vor allem, dass dort ein guter Freund von mir und bundesweit bekannter Musiker wohnt, nämlich Andreas Becker, der viele Jahre bei Peter Maffay gespielt hat. Ich habe natürlich auch gewisse Erinnerungen an Konzerte in Hildesheim. Schon in meiner absoluten Frühzeit habe ich in der Bischofsmühle gespielt, dann bin ich irgendwann mal im Audimax aufgetreten und hatte mehrere größere Konzerte in einer Sporthalle. Ich habe an Hildesheim sehr gute berufliche Erinnerungen.

25 Alben und acht Bücher gehören zu Ihrem Werk - gibt es eigentlich Texte, die sie nicht veröffentlichen?
Eigentlich nicht. Es gibt Texte, die mir für ein Buch oder eine Platte nicht tauglich erscheinen - die werfe ich irgendwann in den Papierkorb. Einen kleinen Überhang gibt es also, weil selbst in die Bücher nicht alles reinpasst, aber das meiste erscheint öffentlich.

Da Sie mit Wolfgang Stute einen Gitarristen dabei haben - wird es in Ihrem Programm auch einige Kunze-Klassiker zu hören geben?
Nein, Wolfgang spielt spanische Musik und ich lese.

Gar keine Kunze-Songs?
Nein.

Angesichts des aktuellen Themas Karikaturenstreit: Wäre der Islam für Sie ein literarisches Thema?
Er wird es an dem Abend sein.

In welcher Weise? Würden Sie heute bestimmte Dinge nicht mehr aussprechen, die Sie früher ausgesprochen hätten?
Ich habe mich, wenn es um Religion im weitesten Sinne ging, immer nur über Leute lustig gemacht, denen ich ihre Religiosität nicht abgenommen habe. Religion selber habe ich nie verhöhnt.

Halten Sie die Karikaturen für falsch?
Nein, ich halte sie nicht für falsch, ich halte sie für ungeschickt. Es ist eben einer Religion wie dem Islam schwer klarzumachen, dass man in unserem Teil der Welt verschiedene Meinungen zum Thema Religion haben kann oder sogar gar keine Meinung. Man sollte sich aber davor hüten, alle Moslems in einen gleichmacherischen Topf zu werfen.

Sie waren zwei Jahre Mitglied in der Enquete-Komission "Kultur in Deutschland" des Deutschen Bundestags, die Vorschläge zur Kulturpolitik erarbeiten sollte. Gab es irgendein Ergebnis?
Es gab einen unglaublich dicken, vieltausendseitigen Zwischenbericht. Wir wurden ja wegen der vorgezogenen Bundestagswahl erst einmal eingefroren, nehmen aber jetzt unsere Arbeit wieder auf und führen den Auftrag zu Ende.

Sie haben die Kommissionsarbeit in einem, wie Sie es nannten, "Besinnungsaufsatz" resümiert. Der Grundton ist ziemlich resignativ. Sind Sie zu naiv an die Sache herangegangen?
Nein, ich bin jetzt 25 Jahre in diesem Gewerbe. Ich glaube, Naivität hat sich bei mir längst abgeschliffen.

Aber Sie haben sich laut Ihrem Text doch zumindest gewundert über das viele Papier, viel leeres Politiker-Gerede, wenig Konkretes...
Ja, aber mit viel mehr habe ich auch nicht gerechnet. Es war trotzdem bisher eine sehr interessante Zeit, ich habe interessante Leute kennen gelernt und tolle Kontakte geknüpft. Und dass eine solche Kommission die Welt nicht aus den Angeln heben kann, ist ganz klar, denn wir haben ja nur eine beratende Funktion. Es ist jedenfalls eine arbeitsintensive, papierintensive, studienintensive und zahlenintensive Aufgabe.

Gab es Reaktionen auf Ihr Fazit?
Nun, ich gelte dort ja so ein bisschen als der Hofnarr. Ich bin halt der einzige aktive Künstler in diesem Gremium. Es hat die Kollegen sehr amüsiert.

Sie sind ein Verfechter deutschsprachiger Musik und haben für die Forderung nach einer Deutsch-Quote im Radio Ihren Kopf hingehalten...
...ja, aber das ist acht Jahre her und ich möchte darüber nicht mehr reden...

...ich wollte auf etwas anderes hinaus: Vor kurzem gab es den zweiten "Bundesvision Song Contest" von Stefan Raab. Ist so etwas nicht viel geeigneter, um deutschsprachige Künstler zu fördern?
Wenn Sie 'ne ehrliche Antwort wollen: Mir gehen alle Song-Contests, sei es der Grand Prix oder seien es dessen Ersatzmodelle, echt am Arsch vorbei. Ich halte überhaupt nichts davon, Musik in Wettbewerben zu bewerten und Superstars oder den besten Song zu suchen.

Aber Raab fördert auf seine Art zumindest die deutschsprachige Musik.
Ja, das ist ja schön. Dann soll er sich jetzt mal 'ne blaue Nase holen.

Sie haben für den Evangelischen Kirchentag in Hannover als Auftragsarbeit einen Song geschrieben. Gab es seitdem Anfragen von weiteren Institutionen?
Nei... Was meinen Sie?

Kollege Grönemeyer schreibt zum Beispiel ein Lied zur Fußball-WM.
Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass er das für eine Institution macht. Er hat da einfach Bock drauf, nehme ich an. Wenn Sie es so meinen: Die Bundeswehr ist noch nicht an mich herangetreten.

Wann erscheint Ihre nächste Platte?
Im Januar oder Februar 2007.

Sie sind also demnächst im Studio?
Ich bin es schon und werde es verteilt über das ganze Jahr sein. Und dann ab dem 1. September schwerpunktmäßig.

(erschienen in der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung am 22. Februar 2006)

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