"Große Koalition nicht verteufeln"

Altbundespräsident Dr. Richard von Weizsäcker liest vor 240 Zuhörern aus seinem aktuellen Buch

Bei Amazon bestellen (lv) Richard von Weizsäckers Wort hat immer noch Gewicht. Die Lesung des Altbundespräsidenten am Mittwochabend bei Decius war ausverkauft. Er erzählte nicht nur aus seiner langen politischen Geschichte, sondern kommentierte auch den EU-Beitrittswunsch der Türkei und den Ausgang der Bundestagswahlen.

Den Titel seines Buches "Was für eine Welt wollen wir?" findet er im Nachhinein "immer noch etwas zu anspruchsvoll", sagt Richard von Weizsäcker vor rund 240 gespannten Zuhörern. Denn so könne man nur fragen, wenn wir auf unser Schicksal Einfluss hätten. Und wer weiß das schon genau? Seine im Frühjahr dieses Jahres bei Rowohlt erschienene Bilanz nennt er tiefstaplerisch eine "Aneinanderreihung von verschiedenen Gedanken". Wie wichtig es dem Hildesheimer Publikum ist, diese Gedanken zu hören und zu lesen, sieht der Altbundespräsident an der fast aus allen Nähten platzenden Buchhandlung Decius.

"Herren unseres Schicksals" heißt das erste Kapitel seines Buches, und es sei "kühn, dass dahinter kein Fragezeichen steht". Aber, davon ist der 85-Jährige überzeugt, es stehe uns Deutschen offen, in Freiheit zu handeln. Politische Freiheit bringe die Demokratie. Wirtschaftliche Freiheit bringe der Markt. "Aber er zivilisiert den Kapitalismus nicht." Die Moral müsse vom Personal, von uns, kommen. Die entscheidende Frage laute: "Haben wir die Kraft zum Mitgefühl mit dem Leiden in der Welt?". Der Kampf gegen den Terror könne nur gelingen, "wenn wir der Not auf der Welt Herr werden".

Einen "Zusammenprall der Zivilisationen", wie es der US-amerikanische Politologe Samuel Huntington formuliert hat, gebe es nach von Weizsäckers Ansicht nicht. Ihn habe die Aussage eines religiösen Anführers bosnischer Muslime beeindruckt: "Zivilisationen bekämpfen sich nicht, sie ergänzen sich. Wo zwei zusammenprallen, ist eine keine Zivilisation."

Im Kapitel "Gibt es den Westen noch?" setzt sich der Altbundespräsident mit dem Verhältnis von Europa und Amerika auseinander. Da weicht er schon mal von seinem Buchtext ab, kann sich einen Seitenhieb gegen US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld nicht verkneifen: "Den Namen haben Sie vielleicht schon mal gelesen, wenn nicht, ist auch nicht so schlimm." Keineswegs sei es so, dass alle Amerikaner Militaristen und alle Europäer Pazifisten seien. Die Einsicht, dass man Demokratie nicht mit militärischen Mitteln erzwingen kann, sei auch in Amerika "im Werden".

Allenfalls Mentalitätsunterschiede gebe es zwischen Europäern und Amerikanern. Wer in Amerika Konkurs gemacht habe, fange halt wieder von vorn an. Das steigere sein Ansehen. "Bei uns wirkt eine Pleite wie ein gesellschaftlicher Ausschluss." Nicht zuletzt, weil die sozialpolitische Struktur in Deutschland einen völlig anderen historischen Hintergrund habe als in Amerika: "Dort die Gesellschaft: von der guten Bonanza-Familie bis zum bösen Denver-Clan. Hier der Staat: von Bismarck bis Hartz IV".

Europa ist das große Thema von Richard von Weizsäcker. Mehrfach zitiert er den früheren EU-Kommissionspräsidenten Jacques Delors, der gefordert habe, "Europa eine Seele zu geben". Dies könne über die Kultur geschehen. "Auch wir Deutschen sollten uns auf unsere Kultur besinnen." Im Schiller-Jahr sollten Schüler ruhig Werke des großen Dichters lesen. "Von Schillerschen Balladen wird niemand krank."

Zum Thema Europa gehört für von Weizsäcker die Frage eines EU-Beitritts der Türkei. Er, der seit 1954 CDU-Mitglied ist, vertritt hier eine andere Position als Angela Merkel. Die Beitrittsverhandlungen seien der Türkei bereits vor 40 Jahren angeboten worden. Wenn sie nun begännen, müssten sie unbedingt ergebnisoffen geführt werden. "Es geht nicht, dass die eine Seite sagt, wir verhandeln nur, wenn am Ende die Vollmitgliedschaft steht, und die andere Seite sagt, wir verhandeln nur, wenn ihr am Ende nicht Mitglied werdet." Das Publikum quittiert dies mit Applaus.

Beifall gibt es auch, als ein Zuhörer wissen will, wie denn nun mit dem Ergebnis der Bundestagswahl umzugehen sei. Diese Frage brennt allen unter den Nägeln. "Nee, nee, mal langsam", bremst von Weizsäcker. Zu den Eigenschaften eines Bundespräsidenten müsse ein Mindestmaß an Überparteilichkeit gehören, untertreibt er. Daran habe er sich auch nach seinem Ausscheiden aus dem Amt gehalten.

Soviel aber doch: Deutschland liege in der Mitte von Europa und müsse bei sich so gut wie möglich Ordnung schaffen. Dazu brauchten wir eine stabile Regierung. "Eine Minderheitsregierung ist damit ausgeschlossen." Das nächstliegende sei eine Ampelkoalition. "Das geht aber nur, wenn die kleinen Parteien dabei einen Kernpunkt ihres eigenen Programms durchbringen können." Wenn das nicht klappe, bliebe die Große Koalition. "Ich bin dagegen, sie zu verteufeln", sagt von Weizsäcker. In den bisherigen Großen Koalitionen sei "ganz gut regiert worden".

Das Wahlergebnis zeige, dass es in Deutschland eine breite Mehrheit für die politische Mitte und für Reformen gebe. Die Mitte müsse mit diesen Reformen weitermachen. "Wir sollten den Kopf nicht hängenlassen, sondern hochnehmen, und aus dem, was wir haben, das Beste machen."

Erlösende präsidiale Worte. Vom amtierenden Bundespräsidenten werden sie bislang noch vermisst.

(erschienen in der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung am 23. September 2005)

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