Der König von Schloss Derneburg

Die neuen Hausherren öffnen erstmals ihre Türen / Ausstellung für geladene Gäste

Von Lothar Veit

DERNEBURG. "Wir sind gerade bei der Arbeit", sagt der junge Mann und entschuldigt sich bei den Gästen für seine saloppe Kleidung. In Hemd und kurzen Hosen steht er da, neben ihm eine elegante Dame und eine attraktive junge Frau. Die Gäste: der Bau- und Umweltausschuss des Landkreises Hildesheim. Und die Gastgeber? Da muss man sich kurz die Augen reiben: Der junge Mann in kurzen Hosen ist Leo Koenig, einer der erfolgreichsten Kunsthändler in New York, seine Begleiterinnen sind Christine und Emma Hall, Ehefrau und Tochter des milliardenschweren Unternehmers Andy Hall - kurz: die neuen Besitzer von Schloss Derneburg.

Viel ist schon gemunkelt und geschrieben worden über das, was hinter den altehrwürdigen Schlossmauern passiert. In den 30 Jahren, die Georg Baselitz hier gelebt und gearbeitet hat, war nur wenigen Normalsterblichen der Blick ins Allerheiligste vergönnt. Auch fast alle Ausschussmitglieder betreten an diesem Montag Neuland.

Allein Kreisdenkmalpfleger Peter Gorczytza, auf dessen Initiative der Besuch zustande gekommen ist, kennt die Räume bereits. Er musste eingreifen, als Ende 2006 Bauarbeiter ohne Genehmigung im Kreuzgang des ehemaligen Klosters buddelten, um Feuchtigkeitsschäden zu beheben (der KEHRWIEDER berichtete). Die Arbeiten wurden unverzüglich gestoppt, Denkmalschützer retteten, was noch zu retten war. Sie fanden 25 Gräber mit Schädeln, Gebeinen und vollständigen Skeletten aus dem 18. Jahrhundert.

Damals gab es atmosphärische Störungen zwischen dem Landkreis und dem Bauherren, ein sechsstelliges Bußgeld stand im Raum. "Diese Drohung haben wir zurückgenommen, als das Klima besser war", so Gorczytza zum KEHRWIEDER. Die Mehrkosten, die der neue Besitzer für die archäologischen Grabungen aufwenden musste, hätten die Geldstrafe ohnehin um ein Vielfaches überstiegen. Inzwischen sieht der Kreuzgang wieder aus wie vorher, "und wir betrachten die Sache als erledigt", sagt Gorczytza.

Die ersten Bilder hängen

Dafür wird jetzt - ganz legal - in der Eingangshalle gewerkelt. Auf dem Boden liegt ein überdimensionaler Holzrahmen für ein überdimensionales Bild. In Griffweite der Handwerker steht ein Tablett mit Mettbrötchen. An der Wand über der Treppe hängt bereits ein Gemälde des amerikanischen Künstlers Julian Schnabel. Im Rittersaal ist fast alles fertig für die erste Ausstellung für geladene Gäste am heutigen Sonntag. Hier hängen elf großformatige Bilder von Schnabel. Welche Werte die Arbeiten haben, lässt sich schwer sagen. Ein Anhaltspunkt: Bei einer Versteigerung im vergangenen November wechselte eines seiner Bilder für mehr als 50.000 Euro den Besitzer. Das reicht für einige Mettbrötchen.

Dabei haben viele Menschen einen echten Schnabel zu Hause, ohne es zu wissen. Das Cover des Albums "By The Way" der kalifornischen Band Red Hot Chili Peppers stammt von ihm. Er malte dafür seine Tochter Stella, die damals mit dem Gitarristen der Band liiert war.

Nun also die Premiere in Derneburg. Der Künstler wird natürlich zugegen sein, außerdem viele amerikanische Sammler und Kuratoren. Europa ist zurzeit ein interessantes Pflaster, die großen Ausstellungen Biennale in Venedig, Art Basel, Documenta in Kassel und Skulptur Projekte in Münster eröffnen der Reihe nach in diesen Tagen.

Auch wenn die offiziellen Gastgeber das Ehepaar Hall sind, so könnte es doch die erste legendäre Leo- Koenig-Party in Derneburg werden. Amerikaner lieben deutsche Schlösser und Leo gilt als Party-Löwe. Das brachte dem Jungstar in New York den despektierlichen Vergleich ein, er sei die "Paris Hilton of Germany". Ein abwegiger und ungerechter Titel. Denn während Paris Hilton den IQ einer Amöbe hat, ist Leo Koenig ein intelligenter Verkäufer. Der Verkauf des Baselitz-Schlosses an den Milliardär Andy Hall gilt als sein bislang größter Coup.

Zunächst hatte Hall nur Baselitz’ üppige Kunstsammlung kaufen wollen, dann nahm er doch gleich das ganze Anwesen. Der Deal fand schon deswegen so große Beachtung, weil Baselitz’ eigener Galerist - ein ganz Großer im Geschäft - davon nichts mitbekam. Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" zitierte Koenig daraufhin mit den Worten: "Es gibt nichts Besseres als einen kleinen Dackel, der einem Dobermann mal ans Bein pinkeln darf."

Dem kleinen Dackel ist die Kunst in die Wiege gelegt worden. Sein Vater Kasper König ist Direktor des Museum Ludwig in Köln, die Mutter Ilka König Kunstbuchhändlerin in München. Künstler wie Georg Baselitz waren häufig zu Besuch bei der Familie, für Leo wurde er so etwas wie eine Vaterfigur. Das angesehene Magazin "New Yorker" berichtet, dass der heute 29-Jährige Schloss Derneburg schon aus Kindertagen kennt. Onkel Georg angelte mit ihm Aale in der Nette.

Koenigs Karriere verlief wie der amerikanische Traum - vom Bilderverkäufer in einer Garage zum Millionär. Mit 21 war er nach Amerika gegangen, um dem Wehrdienst zu entfliehen. Er half zunächst in einer Galerie eines Bekannten aus, war dann aber bald davon überzeugt, dass er es alleine besser kann. Er hatte den richtigen Riecher für junge aufregende Künstler und war selber auch jung und aufregend. Das kam bei seinen Kunden gut an.

Inzwischen sei sein Jugendbonus allerdings abgelaufen, vertraute er jüngst der Zeitschrift "GQ" an. Was liegt da näher, als sich mit der niedersächsischen Provinz anzufreunden? Baselitz war froh über seine Nachfolger. Denn sie standen dafür, in Derneburg eine der bedeutendsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst öffentlich zu machen.

Vertragsabschluss im Juli?

Inzwischen ist etwas Ernüchterung eingetreten. Aus dem Schloss wird kein Museum, weil die baulichen Auflagen zu hoch sind. Dafür will das Ehepaar Hall die Domäne kaufen. Hier sollen nicht nur Ausstellungen organisiert werden, sondern auch junge Künstler eine Heimat finden. Ihre Arbeit soll über eine neue Stiftung finanziert werden. Aber zunächst steht hier noch der Beschluss über eine Nutzungsänderung aus, bevor das Land Niedersachsen dem Kauf zustimmt.

Hartmut Sielaff vom Domänenamt des Landes ist optimistisch, dass der Vertrag Mitte Juli unterschrieben ist. Dann zeigt sich, was aus den Plänen wird. "Kunst ist da, um gesehen zu werden", unterstreicht Leo Koenig. Ab wann die Besucher strömen können, lässt er aber noch offen: "Wir haben Zeit."

(erschienen im Kehrwieder am Sonntag am 17. Juni 2007)

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