Der kluge Bauer erntet die längsten Kartoffeln

Helmut Bleckwenn macht Werbung für die Börde - und für McDonald's

Von Lothar Veit

GARMISSEN. Helmut Bleckwenn greift mit beiden Händen in seinen Acker und hält dem BWL-Studenten Michael Hungele den hochwertigen Bördeboden unter die Nase: "Da kannst du richtig riechen, dass es dem Boden gut geht", sagt Bleckwenn. Der Student ist beeindruckt. Er ist extra nach Garmissen gereist, um zu erfahren, woher die Pommes für McDonald's kommen. Jetzt weiß es ganz Deutschland. Zumindest der Teil, der in den vergangenen drei Wochen den neuen Fernsehwerbespot der Fast-Food-Kette zur Kenntnis genommen hat.

25 Sekunden dauert das Filmchen, für das 25 Leute zwei Tage lang gedreht haben. Daneben gibt es ganz- und doppelseitige Anzeigen in Zeitschriften. Sie zeigen Bleckwenn, wie er in der Abendsonne mit dem Traktor über den Acker fährt und wie er dem Studenten Hungele unter dem Garmissener Ortsschild seine extra langen Kartoffeln zeigt. Die müssen so lang sein, weil die Pommes bei McDonalds ja auch besonders lang sind. "Wissen, wo's herkommt" - so heißt die Kampagne, die über die Qualität der verwendeten Produkte Auskunft geben soll.

Pommes aus der Region

Und, das muss man dem Konzern lassen, er hat dabei nicht getrickst. Helmut Bleckwenn ist wirklich Bauer, er führt den Hof seiner Familie in Garmissen in der neunten Generation - eine lange Zeitspanne, in der die Landwirtschaft einem ständigen Wandel unterzogen war. Der 49-Jährige baut Rüben, Weizen und Mais an, macht mittlerweile auch in Biogas. Mit neun anderen Landwirten aus Garmissen, Oedelum und Bettmar hat er eine Betriebsgemeinschaft gegründet, alle haben ihre Maschinen und ihr Land zusammengelegt. Eine Art LPG unter dem Druck der Marktwirtschaft.

Bleckwenns Kartoffelgeschäft ist dabei relativ beständig. Bereits seit 21 Jahren baut er die Erdäpfel an und verkauft sie an die Firma Stöver, die große Lagerhallen in Schellerten unterhält. Stöver hat früher unter diesem Namen selbst Pommes verkauft, heute beliefert die Firma unter der Marke "Agrarfrost" die McDonald's-Filialen in ganz Norddeutschland. Wer in den Filialen in Hildesheim, Emmerke oder Alfeld ein Menü bestellt, beißt mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Fritten aus der Hildesheimer Börde.

Neben Bleckwenn gibt es 40 bis 50 Betriebe aus der Region, die an Stöver liefern. Diese haben sich wiederum unter dem Namen Kartoffelerzeugergemeinschaft Hildesheimer Börde verbündet. Auch hier geht es um den Markt. Vereint lassen sich bessere Preise aushandeln. Denn neben den Bauern will ja auch Stöver verdienen - und McDonald's will möglichst günstig einkaufen. Bleckwenn beschwert sich nicht: "Das ist relativ gut kalkulierbar."

Warum es nun ausgerechnet ihn vor die TV-Kamera verschlagen hat, weiß er auch nicht. Behauptet er jedenfalls. Das Filmteam habe bei Stöver angefragt, die hätten einige Betriebe vorgeschlagen. Wer sich aber mit dem Garmissener unterhält, kann verstehen, warum er geeignet schien. Er ist offen und freundlich, er schwärmt von seinem Beruf im Allgemeinen und von der Landschaft und dem Bördeboden im Besonderen. Er spricht von Problemen, die die EU-Agrarreformen mit sich bringen, jammert aber nicht. Er sieht bei den Bauern auch eine Bringschuld, wenn es Ärger mit Anwohnern gibt. Man müsse mit den Leuten reden, bevor sie ihre Anwälte gegen Biogasanlagen oder Schweinemastställe in Stellung bringen. Bleckwenn ist Profi in der Vermittlung seines Berufsstandes; die Wochenzeitung Die Zeit und das Wirtschaftsmagazin Brand Eins haben ihn zur Hauptfigur in später preisgekrönten Beiträgen über den Zuckermarkt gemacht.

Er lässt es sich nicht anmerken. "Relativ blauäugig" sei er an den Werbespot herangegangen, er hat gehofft, dass er keinen Text aufsagen muss: "Auswendig lernen ist nicht meine Stärke." Stattdessen musste er einfach tun, was er sonst auch getan hätte. Kartoffeln roden. Mit Passanten plaudern. Das war in diesem Fall der Betriebswirtschafts-Student Michael Hungele, der einer von mehreren so genannten Qualitäts-Scouts ist. Wer so etwas machen möchte, kann sich bei McDonald's bewerben und darf dann, natürlich werbewirksam, hinter die Kulissen der Pommes- und Burgerproduktion schauen. Über Rindfleisch wurde bereits ein ähnlicher Film produziert, einer über Salat soll noch folgen.

Der Konzern betreibt riesigen Aufwand, weil er weiß, dass die Vorbehalte gegen Fast-Food hoch sind. Helmut Bleckwenn isst selten bei seinem Arbeitgeber. Mit seinen drei Kindern war er gelegentlich da. Aber die Art "Systemgastronomie", die McDonald's betreibt, findet er "beeindruckend".

Weil der Landwirt eine spezielle Sicht hat, versteht sich. Und weil er die peniblen Vorgaben des Konzerns kennt. Die Pommes sollen in allen Filialen gleich schmecken. Deshalb sind die Kartoffelsorten, die er anbaut, vorgeschrieben. Außer "Lady Claire", "Russet Burbank" und - besonders schön - "Innovator" kommt keine Sorte in den Acker. Diese Kartoffeln sind besonders stärkehaltig und eben lang. Die Produktion und Lagerung wird ständig kontrolliert. "Ich habe alle Zertifikate, die man sich denken kann", sagt Bleckwenn, "ich bin fast gläsern."

"Ich bin fast gläsern"

Dass er sein Lebensmittel ausgerechnet für die Massenverfütterung in einer Fastfood-Kette hergibt, der oft harsche Kritik entgegenschlägt, und nicht etwa den Wochenmarkt oder "normale" Restaurants beliefert, damit setzt sich der 49-Jährige durchaus auseinander. Für ihn aber kein Grund, sich zu schämen. Selbst den Schritt, für das Unternehmen zu werben, bereut er nicht. "Was wir hier machen, kann nicht jeder. Wir sind sogar ein bisschen stolz auf unsere Kartoffeln", sagt er.

Er habe schon jede Menge Reaktionen bekommen, auch von Leuten, "mit denen ich entfernt mal irgendwas zu tun hatte". Kritik war nicht dabei. Die Arbeit mit dem Kamerateam habe ihm außerdem Spaß gemacht, es sei sehr interessant gewesen zu sehen, wie Menschen mit einem anderen Beruf professionell arbeiten. "Ich verstehe das im Übrigen auch als Werbung für die Region und die Bauern, die hier gute Arbeit leisten." Nur schade, dass es im fertigen Werbespot heißt, Bleckwenn wohne bei Hannover. "Ja, als Patriot hätte ich lieber Hildesheim oder Garmissen gehört."

(erschienen im Kehrwieder am Sonntag am 16. November 2008)

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