"Ey, Sie laufen ja tatsächlich!"

Interview mit Landesbischöfin Margot Käßmann über Zeiten und Auszeiten

Von Lothar Veit

Foto: epd-bild Bezeichnend für ein Gespräch über das Thema "Zeit": Der Termin mit Margot Käßmann konnte nur stattfinden, weil ein anderer in ihrem prallvollen Terminplan kurzfristig ausgefallen war. Lothar Veit sprach für "mitarbeiten" mit der neuen Landesbischöfin der hannoverschen Landeskirche über die Jahrtausendwende, Jogging am Maschsee und Zeitverschwendung.

>> Wo feiern Sie dieses Jahr Silvester?
Wir haben uns in unserer früheren Gemeinde mit einem Ehepaar angefreundet. Seit dieser Zeit feiern wir ein Jahr bei ihnen und ein Jahr bei uns, mit der Familie und den Kindern.

>> Das heißt, es wird nicht anders sein als sonst?
Nicht in der Concorde oder in London oder auf einer Pazifikinsel, nein, ganz normal. Vielleicht mit einem ganz besonderen Champagner... Für mich wird dieser Jahrtausendwechsel ziemlich überhöht.

>> Wie kann die Kirche den Jahrtausendwechsel angemessen feiern?
Jetzt abgesehen davon, dass der richtige Jahrtausendwechsel erst am 31.12.2000 wäre, müssen wir schon ernst nehmen, dass das für viele ein besonderes Datum ist, weil sich alle vier Ziffern auf einmal ändern. Für viele Menschen ist das etwas Bewegendes und ich denke, da müssen wir von Gottvertrauen sprechen können und sagen, dass wir Zeitenwenden in Gottes Hand legen können. Das ist das eine. Das zweite ist, dass so ein Einschnitt immer auch Anlass bietet, Bilanz zu ziehen.

>> Und der Geburtstag von Jesus, zumindest symbolisch?
Natürlich ist es symbolisch gesehen auch der Geburtstag, aber natürlich nicht der exakte, das wissen wir. Es ist allerdings eine Gelegenheit, auf 2000 Jahre Christentumsgeschichte zu blicken. Mit allen Fehlern auf der einen Seite, mit viel Schuld, die die Kirche auf sich geladen hat, andererseits mit einer unglaublichen Kraft, dass dieses Evangelium tatsächlich in alle Welt verkündigt wurde, wie Matthäus 28 sagt. Wir haben als Christinnen und Christen in aller Welt die Aufgabe, zu einer Gemeinschaft beizutragen, die in Frieden zusammenleben kann, und wir müssen für die Nachhaltigkeit dieser Erde für kommende Generationen eintreten.

>> Wo liegen Chancen in der Symbolzahl "2000", wo liegen vielleicht auch Risiken?
Ein Risiko liegt sicher darin, dass Menschen plötzlich Endzeitängste entwickeln - die dieser Zahl ja gar nicht angemessen sind. Das ist ein ganz merkwürdiges Phänomen, aber das haben solche Symbolzahlen in sich und das können wir deshalb nicht weit von uns weisen. Ich sehe eine Chance darin, sich einmal neu zu besinnen und diese Besinnung auf die Gottesfrage zu beziehen. Was macht mein eigenes Leben für einen Sinn? Ich finde es richtig, wenn Kirchen in dieser Silvesternacht offen sind, damit die Menschen dieser Sinnfrage nachgehen können. Das kann eine Chance sein in einer Welt, die sich derartig entzaubert hat, dass nichts mehr fremd und nichts mehr heilig ist.

Foto: Jens Schulze >> Kommen Sie gut mit Ihrer Zeit zurecht? Wie organisieren sie Ihre Zeit?
Im Moment ist es eine unglaublich angefüllte Zeit, das will ich ehrlich zugeben. Wie das in den ersten vier Wochen war, das ist nicht meine Vorstellung, wie ich mein Bischofsamt auf immer führen will. Das ist aber auch nicht der Normalzustand. Ich finde, der Mensch braucht einen Rhythmus von Schaffen und Ruhe. Ich versuche, den zu finden und beispielsweise eine Feiertagskultur zu Hause zu haben, dass ein Sonntag etwas besonderes ist für unsere Familie, an dem etwas besonderes miteinander gemacht wird. Das kann sowohl ein Spielenachmittag sein als auch zusammen schön essen gehen, einen Spaziergang machen oder im Sommer schwimmen gehen, also den Sonntag zu etwas besonderem machen, der nicht einfach wie alle anderen Tage ist. Ich versuche, meine Zeit so einzuteilen, dass das Gemeinsame in der Familie - gemeinsames Frühstück, gemeinsames Mittagessen - besondere Zeiten sind. Und so sollten wir auch das Jahr gestalten, also besondere Festtage und Feiertage hervorheben. Ich finde es ganz schrecklich, wenn wir eine Kultur der Gleichmacherei von Zeit haben.
Was im Moment für mich ein Problem ist: Ich habe wenig langfristige Planungen, so sehr mein Kalender voll ist. Ich habe immer nur eine Woche im voraus im Blick. Das ist eine Diskrepanz. Ich muss heute einen Vortrag halten, morgen bin ich im Predigerseminar, Sonntag predige ich und am Montag werde ich schauen, wie die nächste Woche läuft.

>> Wie nehmen Sie sich Auszeiten?
Schon sehr bewusst. Eine Auszeit ist, dass ich laufe. Ich laufe morgens einmal um den Maschsee, das mache ich weiterhin zweimal die Woche und habe es bisher auch immer geschafft. Dann komme ich eben erst um neun, wenn das möglich ist. Es ist für mich eine wichtige Zeit, um allein zu sein, den Kopf freizubekommen, an Neues denken zu können. Eine Auszeit ist für mich auch beten, die Konzentration auf das Gespräch mit Gott. Natürlich sind Ferienzeiten Auszeiten. Und manchmal gehe ich in die Sauna oder ins Kino mit einer Freundin.

>> Können Sie in Ruhe um den Maschsee laufen, oder werden Sie auch mal von Leuten angesprochen, die Ihr Gesicht in der Zeitung gesehen haben?
(lacht) Doch, das passiert schon. Neulich war einer mit dem Fahrrad unterwegs, der hat sich umgedreht und gesagt: "Ey, Sie laufen ja tatsächlich!" Mit der Zeit kennen sich auch bestimmte Leute, die zu bestimmten Zeiten laufen. Die grüßen dann freundlich. Aber es ist schon ein komisches Gefühl, wenn die Leute sagen: "Ah, sind Sie das?" und ich dann sage: "Ja, das bin ich!"

>> Was ist für Sie Zeitverschwendung?
Ach... Fernsehen. Manchmal gucke ich mir tatsächlich was an, weil es sich interessant anhört oder ich einfach abspannen will und hinterher denke ich, das war ein solcher Schrott, das war wirklich Zeitverschwendung, hättest du besser was Gutes gelesen. Ich versuche mir außerdem zu verbeißen, ganz furchtbar nachtragend zu sein. In Beziehungen von Menschen wird unglaublich viel Kraft und Zeit verschwendet, weil man nachträgt und nicht verzeihen kann.

(zuerst erschienen in der Zeitschrift "mitarbeiten" 1/2000 des Landesjugendpfarramtes der hannoverschen Landeskirche)

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