"Gedanken des Friedens und nicht des Leides"

Stellungnahme der Landesjugendkammer der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers vom 4. November 2001 zu den Terroranschlägen in den USA und den Reaktionen

1. Krieg ist kein geeignetes Mittel zur Terrorbekämpfung
2. Bekämpfung der Armut muss intensiviert werden
3. Keine Beschneidung der Freiheitsrechte
4. Interreligiöse Begegnung fördern


Wir sind erschüttert von den unbegreiflich brutalen Terroranschlägen am 11. September 2001 in Washington und New York, bei denen tausende unschuldige Menschen sterben mussten. Wir trauern mit den Hinterbliebenen um die Frauen, Männer und Kinder, die den sinnlosen Gewalttaten zum Opfer gefallen sind.

Wir trauern ebenfalls um die Frauen, Männer und Kinder, die in Afghanistan dem Krieg zum Opfer gefallen sind und weiterhin fallen. Angesichts der beängstigenden Spirale von Gewalt und Gegengewalt nehmen wir wie folgt Stellung zu den aktuellen Ereignissen:

1. Krieg ist kein geeignetes Mittel zur Terrorbekämpfung
"Die Täter der Terroranschläge und ihre Hintermänner müssen mit allen rechtsstaatlichen Mitteln gestellt und verurteilt werden. Das wirtschaftliche Netzwerk des Terrorismus ist von allen Staaten mit den legal zur Verfügung stehenden Mitteln zu bekämpfen. [...] Vergeltung und Krieg sind jedoch keine geeigneten Mittel für die wirkungsvolle Bekämpfung des Terrorismus. [...] Vergeltung provoziert neue Terroranschläge und führt zu einer unauflösbaren Spirale von Gewalt, Zerstörung und Tod ohne Perspektive für die nachhaltige Bekämpfung der Ursachen." Wir stimmen diesen Aussagen des Vorstandes der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend (aej) vom 16. Oktober 2001 zu und lehnen die Bombardierungen in Afghanistan ab.

Wir vertrauen auf die Zusage des Propheten Jeremia: "Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht Gott: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung." (Jer. 29,11) Deshalb unterstützen wir die Forderung von Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann nach einem Ende der Bombardements ("Ich hoffe, Amerikaner und Engländer werden ein Einsehen haben und dem Bomben ein Ende machen. Möglichst sofort, spätestens wenn der Ramadan beginnt." - Predigt am Reformationstag, 31.10.2001, in der Marktkirche Hannover), nach schneller humanitärer Hilfe für die afghanische Bevölkerung, nach einer Stärkung der zivilen Konfliktbewältigung sowie "einer Globalisierung im Kampf gegen Armut und Ungerechtigkeit".

Wir können und müssen mit Menschen solidarisch sein, aber einer Regierung die "uneingeschränkte Solidarität" zuzusichern, ist problematisch, weil kritische Stimmen damit mundtot gemacht werden sollen. Wer gegen den Krieg ist, darf nicht als "anti-amerikanisch" abqualifiziert werden; auch in den USA gibt es Kriegsgegner. Ebenso lehnen wir mit Blick auf den Nahost-Konflikt und weitere Krisenherde auf der Welt Krieg als politische Handlungsoption ab.

2. Bekämpfung der Armut muss intensiviert werden
Wir fordern eine gerechtere Weltordnung, in der die Kluft zwischen Arm und Reich nicht größer werden darf, sondern kleiner werden muss. Das wirtschaftliche Gebaren der westlichen Welt rechtfertigt keine terroristischen Verbrechen, aber es ist ein Teil der Ursache. Die Bekämpfung der Armut und die Entschuldung der ärmsten Länder müssen intensiviert werden. "Die Institutionen des Welthandels müssen demokratisiert werden mit dem Ziel, den Ländern des Südens unserer Welt die Mitwirkung an Entscheidungen und an der Gestaltung des Weltmarktes zu ermöglichen" (aej, 16.10.2001).

3. Keine Beschneidung der Freiheitsrechte
Die derzeitige Debatte um neue Gesetzespakete zur inneren Sicherheit in Deutschland erfüllt uns mit Sorge. Die Freiheits- und Bürgerrechte der Menschen dürfen nicht beschnitten werden. Wir kritisieren, wenn Politikerinnen und Politiker die Situation und die Ängste der Bevölkerung missbrauchen, um langgehegte innenpolitische Forderungen zu untermauern.

Das Ausländer- und Asylrecht darf in diesem Zusammenhang ebenfalls nicht beschnitten werden. Der Pauschalisierung und Vorverurteilung bestimmter Bevölkerungsgruppen muss widersprochen werden. Hier sind nicht zuletzt die Medien gefragt, Vorurteile nicht noch zu schüren, sondern durch differenzierte Berichterstattung zu entkräften.

4. Interreligiöse Begegnung fördern
Der Islam darf nicht als Brutstätte des Terrorismus verunglimpft werden. Wer sich auf die Religion als Legitimationsmittel für den Terror beruft, missbraucht sie. Wir sind gefordert, auf die Menschen islamischen Glaubens in unserer Umgebung zuzugehen und den interreligiösen und -kulturellen Dialog zu fördern, denn die Muslime haben doppelt zu leiden: Sie sind ebenso entsetzt und besorgt über die terroristische Gewalt wie wir und sind zudem noch der Ausgrenzung oder sogar Anfeindung in unserem Land ausgesetzt.

Wir als Evangelische Jugend wollen konkret und getreu unseres Schwerpunktthemas "Gewalt überwinden" wirken, indem wir in unserer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
  • als Gesprächspartnerin zur Verfügung stehen
  • für Frieden und Gerechtigkeit beten und eintreten
  • politische Bildung betreiben
  • Ängste und Vorurteile abzubauen helfen
  • vor Ort den Kontakt zu Menschen anderer Herkunft und anderen Glaubens suchen und ihre Integration in die Gesellschaft fördern
  • internationale, interkulturelle und interreligiöse Begegnungen ermöglichen.


Von der Landesjugendkammer der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers einstimmig beschlossen.
Verden, den 4. November 2001

zurück

© 2001-2015 >> WebDesign: Lothar Veit, Hildesheim