Wer blind ist, muss bei den täglichen Dingen draufzahlen

Edeltraut Richter ist froh, dass es das Blindengeld wieder gibt

Von Lothar Veit

BENNIGSEN. Edeltraut Richter aus Bennigsen ist seit 30 Jahren blind. Um von der Arbeit in Hannover nach Hause zu kommen, muss sie jeden Tag für 11 Euro mit dem Taxi fahren. In einer Woche sind das 55 Euro, im Monat 220 Euro. Exakt der Betrag, den das Land Niedersachsen ab dem 1. Januar 2007 als Blindengeld wieder auszahlen wird. "Die haben sich wohl nach mir gerichtet", sagt sie und lacht.

Als Niedersachsen das Blindengeld zum 1. Januar 2005 als einziges Bundesland komplett strich - zu der Zeit betrug es noch 409 Euro - hatte die 56-Jährige weniger Grund zum Lachen. Erst einen Monat zuvor war Richter in die Altersteilzeit eingetreten und bekam dadurch 15 Prozent weniger Gehalt.

Aber Edeltraut Richter hat noch Glück. Erstens, weil sie überhaupt Arbeit hat, zweitens, weil sie in einer festen Beziehung lebt und ihr Partner ihr finanziell aushelfen konnte. Sie gehörte nach der Definition des Sozialministeriums - damals noch unter der Leitung von Ursula von der Leyen - nicht zu den wirklich Bedürftigen.

Für diese wurde nach Abschaffung des Blindengeldes ein mit drei Millionen Euro bestückter Hilfefonds eingerichtet, aus dem aber nur wenige Blinde Geld abgerufen hätten, wie die jetzige Sozialministerin Mechthild Ross-Luttmann Anfang der Woche in Hannover einräumte.

Auch Edeltraut Richter hat nichts aus dem Fonds beantragt: "Ich hätte zuerst mein Haus aufgeben und meine Lebensversicherung aufbrauchen müssen", sagt sie. "Dabei reden doch immer alle von privater Vorsorge." Der Landesblindenverband Niedersachsen hatte deshalb von Anfang an kritisiert, dass dieser Weg für viele Blinde automatisch in die Armut führe.

Dass Blinden aufgrund ihrer Behinderung bei ganz alltäglichen Dingen Mehrkosten entstehen, liegt auf der Hand. Vor allem Fahrtkosten fallen ins Gewicht. Die 56-jährige Bennigserin fährt gemeinsam mit ihrem Freund nach Hannover zur Arbeit. Den Rückweg muss sie hingegen allein bewältigen. Dazu lässt sie sich mit einem Taxi zur Blindenmission am Hauptbahnhof fahren. Dort wird ihr beim Einstieg in den Zug nach Bennigsen geholfen. Ein weiteres Taxi bringt sie von dort nach Hause - Rabatt für Behinderte gibt es nicht.

Edeltraut Richter arbeitet als Schreibkraft bei der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie. Mit einer speziellen Tastatur, bei der einige Buchstaben zur besseren Orientierung mit Punkten versehen sind, schreibt sie Texte, die sie vom Band abhört. Hinterher lässt sie sich alles vom Rechner vorlesen, um Tippfehler aufzuspüren.

Seit fast 20 Jahren arbeitet Richter bei der Gewerkschaft. Das Gefühl der Arbeitslosigkeit kennt sie allerdings auch. Bei der Kreissparkasse musste sie nach einem befristeten Arbeitsverhältnis gehen, weil die Bank ihre Behindertenquote von sechs Prozent bereits erfüllt hatte. Nach einem Dreivierteljahr ohne Job hatte sie ein Bewerbungsgespräch beim Sozialministerium in Hannover. Ausgerechnet dort sei man ihr dumm gekommen: "Ich wurde gefragt, ob ich überhaupt ein Blatt gerade in die Schreibmaschine einspannen könne. Da wusste ich, dass ich die Stelle nicht bekomme."

Die 56-Jährige ist nicht von Geburt an blind. Bis zu ihrem 25. Lebensjahr konnte Edeltraut Richter sehen. Als sie im Frühjahr 1975 über starke Kopfschmerzen klagte, wurde sie nach einer ersten Fehldiagnose ins Nordstadtkrankenhaus nach Hannover eingeliefert. Dort wurde bei ihr zuviel Gehirnwasser festgestellt, das den Sehnerv zerstört hatte. Sie musste vier Monate in der Klinik bleiben. Jetzt lebt sie mit einer Drainage im Kopf, die das Wasser auf dem gleichen Stand hält. "Wenn die Ärzte das gleich am Anfang gemacht hätten, könnte ich heute vielleicht noch sehen", sagt die Bennigserin.

Erschwerend kommt hinzu: Weil bei der Operation auch ihr Tastsinn verletzt wurde, kann Edeltraut Richter keine Blindenschrift entziffern. Aus der Zeitung lässt sie sich von ihrem Freund vorlesen, ansonsten informiert sie sich über die Fernsehnachrichten. Als die Bildröhre den Geist aufgab, nahm sie das nicht weiter tragisch und nannte das Gerät seitdem liebevoll "meinen blinden Fernseher".

Wenn Richter sich etwas in der Mikrowelle zubereiten will, markiert ihr Freund die Stelle, bis zu der sie den Zeitschalter einstellen muss, mit einem Pflaster. Sie hat ein sprechendes Fieberthermometer und eine sprechende Waage, alles weitaus teurer als herkömmliche Geräte. Sie hört gerne Hörbücher, zurzeit "Dr. Schiwago" für 98 Euro. Und ein Blindenstock kostet mal eben 125 Euro. Den würde allerdings die Krankenkasse übernehmen.

Die Bennigserin war dabei, als 10.000 Blinde in der Innenstadt von Hannover gegen den Wegfall des einkommensunabhängigen Blindengeldes demonstriert haben. Dass es jetzt wieder eingeführt wird, wenn auch drastisch gekürzt, findet sie richtig. "Aber Bedürftige sollten mehr als 220 Euro bekommen."

(erschienen in der Neuen Deister-Zeitung am 27. Mai 2006)

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