"Gefragt war damals nur unsere Arbeitskraft"

Ein neuer Film spielt in dem Dorf Incesu in Anatolien, aus dem der Eldagsener Hasan Özkan stammt

Von Lothar Veit

ELDAGSEN. "Heimat ist da, wo man herkommt, Zuhause da, wo man lebt". Der Satz fällt ganz am Ende des Dokumentarfilms "Emine aus Incesu", und Hasan Özkan kann ihn hundertprozentig unterschreiben. Der 60-Jährige wohnt seit 36 Jahren in Eldagsen und wollte seinen Nachbarn unbedingt diesen Film zeigen. Er kennt Emine. Er kennt Incesu. Denn er ist selbst in dem kleinen Dorf in Anatolien, anderthalb Autostunden nördlich von Antalya, geboren.

Mit Unterstützung von Rotraud Rohn wurde aus der Idee eine öffentliche Filmvorführung der Volkshochschule in der Grundschule Hallermundt. Hier war Rohn früher Lehrerin, unterrichtete unter anderem Özkans Tochter Zuhal, die heute 35 ist und selbst einen Sohn hat. Zuhal Karakas ist in Deutschland geboren und wohnt mit ihrer Familie in Gehrden, der siebenjährige Kayra geht dort zur Schule. "Er hat dort bei der gleichen Lehrerin Mathe wie ich damals in Eldagsen", sagt die Mutter mit ihrem ansteckenden Lächeln.

Hasan Özkan und seine Sippe könnte man mustergültig integriert nennen. "Und das, obwohl es damals noch keine Integrationskurse gab", sagt er. "Gefragt war nur unsere Arbeitskraft." Mit 22 kam Özkan als Gastarbeiter über Istanbul und München nach Mannheim. Drei bis fünf Jahre wollte er bleiben, wie Emine im Film. Er arbeitete in einer metallverarbeitenden Fabrik, erkrankte dort an Tuberkulose. Deshalb kam er nach Hannover in die Lungenklinik Heidehaus. 1973 fand er Arbeit bei der Möbelfirma Raupach in Eldagsen, da, wo heute der Rewe-Markt steht.

Wie viele andere Gastarbeiter ist Hasan Özkan geblieben. Als die Tochter geboren wurde, sollte sie auch hier in den Kindergarten gehen, dann in die Schule, später eine gute Berufsausbildung machen. So kam eins zum anderen, nur die Rückkehr in die Türkei nicht, bis heute.

Die deutschen Türken aus Incesu sehen sich einmal im Jahr in Nordrhein-Westfalen bei einem großen Treffen. In diesem Jahr wurde dort der Film über Emine gezeigt. Da wurden bei Özkan Erinnerungen wach. An die Anfangsjahre, die ärztlichen Untersuchungen, die Sprachprobleme. Für Emine kam erschwerend hinzu, dass sie eine Frau war. Ihr Vater hatte sie nach Deutschland geschickt, und die Daheimgebliebenen fürchteten, dass sie vielleicht einen ungläubigen Deutschen heiraten würde. Sie befolgte den Rat ihrer Großmutter und zog sich möglichst altbacken an, trug zur Vorsicht auch einen Ring, der als Ehering hätte gedeutet werden können. Ihren türkischen Ehemann hatte ihr Vater ausgesucht, sie hat ihn nie geliebt, er sie auch nicht. Heute leben sie getrennt.

Bei Familie Özkan ist das längst anders. Tochter Zuhal ist Juristin und arbeitet bei der Region Hannover, in die Wahl ihres Gatten hätte sie sich nicht reinreden lassen. Und Hasan Özkan würde in seinem 200-Seelen-Heimatdorf wohl keinen Anschluss mehr finden. Muss er auch nicht. Er hat ja tolle Nachbarn in Eldagsen.

(erschienen in der Neuen Deister-Zeitung am 11. November 2006)

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