"Der Einsatz hat in dieser Art keinen Sinn"

Springer Oberstleutnant Uwe Lampe war vier Monate in Afghanistan / Terroranschläge nehmen zu

Von Lothar Veit

SPRINGE. Afghanistan kommt nicht zur Ruhe. Beinahe täglich äußert sich Verteidigungsminister Franz Josef Jung angesichts zunehmender Anschläge besorgt über die Sicherheitslage in dem Land. Unions- und SPD-Politiker denken laut über eine Veränderung des Bundeswehr-Mandats nach. Oberstleutnant Uwe Lampe aus Springe ist erst vor kurzem aus dem Krisengebiet zurückgekehrt. Sein ernüchterndes Fazit: "Der Einsatz hat in dieser Art keinen Sinn."

Der 52-jährige Privatmann Uwe Lampe sitzt entspannt in seinem sonnendurchfluteten Wintergarten und blättert in seinen Winterfotos aus Afghanistan. Sie sind in ein kleines Album gesteckt, auf dem ein "Fuji"- und ein "KFOR"-Logo prangen. Lampe war vor zweieinhalb Jahren im Kosovo stationiert, ist auslandserfahren. Die "Kosovo Force" wurde nicht nur mit militärischem Gerät bestückt, sondern auch mit Foto-Alben für Schnappschüsse aus dem Soldaten-Alltag. Jetzt also Afghanistan.

Auf einem Bild ist zu sehen, wie die Soldaten versucht haben, sich im eingezäunten Lager in Kabul ein Stück heile Welt, ein wenig deutsche Idylle zu schaffen. Das Lager ist mit Weihnachtsbäumen und Lichterketten geschmückt. "Stille Nacht" zwischen den lauten Explosionen. Die gibt es allerdings vor allem im Süden des Landes. "Dort kämpfen die Amerikaner gegen die Taliban", sagt Lampe, "im Norden ist es relativ ruhig".

Aber eben nur relativ: Am 14. November 2005, kurz vor Lampes Ankunft, stirbt in Kabul ein Oberstleutnant bei einem Sprengstoffanschlag. Zwei Soldaten verlieren ihre Beine. "Die Taliban und andere Kriminelle weichen dem Druck der Amerikaner aus und verüben ihre Anschläge jetzt woanders", sagt der 52-Jährige. "Kabul ist dafür ein geeignetes Pflaster." Die Patrouillen würden dabei seltener angegriffen, die seien gut geschützt. Gefährlicher ist es für kleinere Fahrzeuge. Zum Beispiel solche, mit denen Lampe täglich unterwegs war. Er war in Afghanistan der Verbindungsmann zwischen dem deutschen Bundeswehrkontingent und der deutschen Botschaft, traf sich jeden Morgen mit Abteilungsleitern und Mitarbeitern der Sicherheitsdienste zur Lagebesprechung.

Ein gefundenes Fressen für Terroristen. Der Springer fuhr immer zur gleichen Zeit, immer die gleiche Strecke in die Kabuler Innenstadt. "Ich habe den Antrag gestellt, ein Taxi oder ein ziviles Fahrzeug benutzen zu dürfen, das hätte mir geholfen." Der Antrag wurde abgelehnt. Lampe hatte arge Probleme, Fahrer zu finden. Alle hatten Angst.

Eine Eigenschaft, die sich der Reservist nicht anmerken lässt. Jedenfalls nicht in der heimischen Wohnung. Lampe erzählt unaufgeregt, lächelt dabei. Er kramt in einem Aktenordner, der in seinem Wintergarten auf dem Boden liegt. Er zieht ein Blatt Papier heraus, einen von vielen Lageberichten. Ganz oben steht die Kurzfassung, sie klingt wie eine Wettervorhersage: "Nicht ruhig und nicht stabil".

Die Deutschen sind da, um zu helfen. Doch die Afghanen können mit der Hilfe oftmals nichts anfangen. Auch das bemerkt der 52-Jährige selbstkritisch. "Wir bauen Krankenstationen, die keiner nutzt. Wir bauen öffentliche Toiletten, die hier noch nie gebraucht wurden. Wir bauen Spielplätze für die Kinder, und sie spielen drumherum." Die 60 Geberländer mühten sich zwar redlich, aber es fehle an Koordination.

Noch haben die Deutschen einen guten Ruf, die Amerikaner sind als Besatzer verhasst. Sie bekämpfen den Mohnanbau, der 80 Prozent des Bruttosozialproduktes in Afghanistan ausmacht. Er ernährt vor allem die Drogenbarone und "Warlords". Seit dem 1. Juni stellen die Deutschen für die Nordregion den Oberbefehlshaber. "Das Drogenthema betrifft uns jetzt auch. Wenn wir uns so verhalten wie die Amerikaner, ziehen wir das Feuer auf uns", fürchtet Lampe.

Verteidigungsminister Jung sagt, dass die Bundeswehr noch mindestens fünf Jahre in Afghanistan bleiben müsse. Oberstleutnant Lampe glaubt, "dass wir den kleinsten Strohhalm ergreifen werden, um vorzeitig abzubrechen".

(erschienen in der Neuen Deister-Zeitung am 10. Juni 2006)

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