"Unterschicht": Unwort oder Wirklichkeit?

Haben sich Arbeitslose mit ihrem Schicksal abgefunden? / Heftige Debatte im Internet-Forum

Von Lothar Veit

SPRINGE. TV-Satiriker Harald Schmidt hat das böse Wort als Erster in den Mund genommen: Im Frühjahr 2005 sprach er vom "Unterschichtenfernsehen" - und meinte damit unter anderem seinen früheren Brötchengeber Sat 1. Seit der SPD-Chef Kurt Beck in einem Interview den Begriff "Unterschicht" erneut fallen ließ, ist eine heiße Debatte entbrannt. Auch im Internetforum der Neuen Deister-Zeitung wird rege diskutiert.

Beck beruft sich auf Umfrageergebnisse der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung, die den Begriff "Unterschicht" allerdings nirgendwo verwendet hat. Die Studie spricht von neun verschiedenen "politischen Typen", an deren Spitze die so genannten "Leistungsindividualisten" stehen, die zumeist männlich sind, weniger Staat wollen und häufig FDP wählen. Am Ende steht eine Gruppe namens "Abgehängtes Prekariat", die geprägt ist von "sozialem Ausschluss und Abstiegserfahrungen". Acht Prozent der Deutschen gehören laut Studie dieser Gruppe an, sie sind oft arbeitslos, ostdeutsch, männlich, und wählen extrem links oder rechts - oder gar nicht.

Das Problem: Diese Menschen hätten sich laut Beck mit ihrem Schicksal abgefunden, das "Streben nach sozialem Aufstieg" lasse nach. Die Reaktionen auf seine Äußerungen hätten unterschiedlicher nicht sein können. Die einen sagen, die SPD sei mit Hartz IV selbst schuld an der Misere, die anderen vertreten die Auffassung, dass Hartz IV das Problem nur sichtbar gemacht habe. Wieder andere, wie Markus Witzke vom Job-Center Region Hannover, bestreiten den Befund: "Wir haben nicht die Erfahrung gemacht, dass die Leute sich aufgegeben haben." Er räumt allerdings ein: "Langzeitarbeitslose haben schlechte Chancen, da gibt es schon Frust."

Das hat auch Diakonie-Pastor Christian Klatt aus Springe erlebt: "Ich war neulich in Hannover bei einer Veranstaltung mit Hartz-IV-Empfängern, da war eine solche Wut im Raum." Das Wort "Unterschicht" gefällt ihm zwar nicht, "weil es abwertend klingt". Es stimme aber, "dass sich immer mehr Menschen so fühlen".

Ähnlich argumentiert Gerhard Schaper, der erfolglos für das Linksbündnis bei der Springer Stadtratswahl angetreten war. "Warum soll man es nicht so nennen, wie es ist?", fragt er. "Wer in der Hartz-IV-Schiene hängt, ist Unterschicht", weil er vom sozialen und kulturellen Leben ausgeschlossen sei.

Bürgermeister Jörg-Roger Hische (CDU) mag den Begriff nicht benutzen, er hält ihn für eine Stigmatisierung. Es gebe aber auch in Springe eine Klientel, die sich mit ihrer Situation abgefunden habe. Es sei schlimm, "wenn da Kinder mit reingezogen werden".

(erschienen in der Neuen Deister-Zeitung am 20. Oktober 2006)

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