"Anatomie finde ich klasse!"

Interview mit Fernsehmoderator und Kino-Neuling Holger Speckhahn

Von Lothar Veit

Foto: Columbia Tri-Star "Entspannende Musik, kühl-grelles, aber nicht unangenehmes Licht. Was zunächst wie ein Sonnenstudio wirkt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als Anatomiesaal. Ein junger Mann liegt auf einer Bahre und kann sich nicht bewegen. Hilflos muss er mit ansehen, wie sein Arm fein säuberlich skelettiert wird ..." Zum Glück keine wahre Geschichte, sondern eine Szene aus dem deutschen Horrorthriller "Anatomie", der am 3. Februar bundesweit in den Kinos anläuft. Eine nicht unbedeutende Nebenrolle spielt der Fernsehmoderator und gebürtige Gadenstedter Holger Speckhahn.

Inzwischen kann man ihn ohne Übertreibung als Star bezeichnen: Der 25-jährige tummelt sich seit fast drei Jahren im Fernsehgeschäft und ist inzwischen einem Millionenpublikum bekannt. 1997 wurde er von MTV entdeckt. Für den Musiksender moderierte er zunächst die Sendungen "In Touch" und "Fashion Zone". Danach wechselte er zu RTL, moderierte dort die mäßig erfolgreiche Abendshow "RTL Night Fever" und kurz darauf die wesentlich erfolgreichere Musiksendung "Top of the Pops". Derzeit ist er täglich von 17 Uhr an mit der täglichen Ratesendung "Jeder gegen jeden" bei SAT 1 zu sehen. Doch damit nicht genug: In dem Film "Anatomie" gibt Holger als trendiger und gutaussehender Medizinstudent Phil sein Kinodebüt. Er spielt dabei neben so namhaften Jungstars wie Franka Potente, Benno Fürmann und Anna Loos.

Inzwischen wohnt Holger natürlich längst nicht mehr in Gadenstedt, sondern in der Medienstadt Köln. Wenn er einmal im Jahr beim Gadenstedter Schützenfest auftaucht, kann er sich vor Autogrammwünschen kaum retten. Durch den Kinofilm dürfte sein Bekanntheitsgrad noch um einiges steigen. Eine Schauspielkarriere strebt er allerdings (noch) nicht an. PN-Mitarbeiter Lothar Veit sprach mit dem prominenten Lahstedter, obwohl er mit hohem Fieber im Bett lag. Bei der Premierenfeier zu "Anatomie" hatte er sich böse erkältet.

>> PN: Wie war es bei der Premiere?
Holger Speckhahn: Schweinekalt, aber sonst klasse. Es war soviel Presse da, dass wir dachten, wir spinnen. Bernd Eichinger war auch da. Er hat uns davon abgebracht, dass der Film ein Horrorthriller ist. Er meint, es sei ein Shocker.

>> Wo ist der Unterschied?
Ich weiß es nicht.

>> Meint er das positiv oder negativ?
Ich glaube, positiv.

>> Wie ist der Regisseur Stefan Ruzowitzky auf dich gekommen?
Er hat mich damals schon bei MTV gesehen. Er hat über neun bis zehn Monate versucht mich zu erreichen; es war schwierig, einen Termin hinzukriegen. Da war ich gerade bei RTL. Aber er war hartnäckig und hat es dann doch geschafft.

>> Der Regisseur findet es mutig von dir, dass du ein schnöseliges "Arschloch mit Potenzproblemen" spielst. Wolltest du bewusst gegen Dein Fernsehimage als ewig lächelnder Sunnyboy angehen?
Nicht unbedingt. Aber ich hätte keine Lust gehabt, im Film auch einen Moderator zu spielen. Ich habe schon die Herausforderung gesucht, richtig schauspielern zu müssen.

Foto: Columbia Tri-Star >> Andere müssen dafür jahrelang auf Schauspielschulen gehen. Wie hast du dich auf die Rolle vorbereitet?
Ich hatte drei exzellente Schauspiellehrer: Franka Potente, Anna Loos und Benno Fürmann. Ich habe sie vor dem Film gefragt, ob sie mir helfen würden. Ich glaube, dass fanden sie ganz gut. Ich habe ihnen einige Szenen vorgespielt und gefragt, ob ich das so machen kann.

>> Haben sie dich als vollwertigen Kollegen behandelt?
Erstmal nicht. Als ich da hingekommen bin, habe ich auch allen gesagt: Ich bin der Moderator, ich bin dafür zuständig, dass eine bestimmte Zielgruppe ins Kino geht. Je öfter ich das gesagt habe, desto mehr haben sie mich akzeptiert. Und sie haben gemerkt, dass ich mir echte Mühe gegeben habe, meinen Job so gut wie möglich zu machen.

>> Werden wir dich jetzt öfter im Kino sehen?
Nee, das war's erst mal. Es liegen zwar bei der Produktionsfirma schon einige neue Angebote vor, aber ich habe alle abgelehnt, weil ich jetzt zuerst meinen Vertrag bei SAT 1 erfüllen muss. Ich halte auch nichts davon, zweigleisig zu fahren. Dann denken die Fernsehleute, ich bin Schauspieler und die Filmleute denken, ich bin Moderator - und irgendwann habe ich keinen Job mehr. Bei dem Film konnte ich vieles ausprobieren und es hat mir Spaß gemacht, aber das nächste Mal wird bestimmt erst in zwei, drei Jahren sein.

>> Du spielst einen Medizinstudenten. Wolltest du nicht selbst auch mal Medizin studieren?
Ja, aber da muss man zuviel lernen.

>> Wäre die Anatomie etwas für dich gewesen, oder kannst du kein Blut sehen?
Nee, Anatomie finde ich klasse. Als ich Zivildienst in der Braunschweiger Unfallchirurgie geleistet habe, war ich ja öfter im Operationssaal. Dadurch wollte ich auch ursprünglich mal Medizin studieren. Ich kann ohne Probleme Blut sehen, abgehalten hat mich wirklich nur das viele Lernen.

>> Bist Du - trotz deines Arbeitspensums - gelegentlich mal in Peine?
Ich bin ungefähr drei- bis viermal im Jahr zu Hause. Ich versuche das so oft wie möglich, aber es klappt meistens nicht. Wenn doch, dann besuche ich natürlich meine Eltern und Großeltern und wohne dann auch bei ihnen. In Peine war ich öfter in der "Wunderbar", aber die hat ja dichtgemacht. Dadurch, dass ich noch so viele Freunde in Braunschweig habe, bin ich allerdings öfter in Braunschweig als in Peine.

Interview: Lothar Veit

(erschienen in der Braunschweiger Zeitung/Peiner Nachrichten am 1. Februar 2000)

zurück

© 2001-2015 >> WebDesign: Lothar Veit, Hildesheim