Volksnaher Prediger mit Psalter und Harfe

Heine schätzte, Peine vergrätzte ihn: Zum 200. Geburtstag des Liederdichters und Superintendenten Philipp Spitta

Von Lothar Veit

Philipp Spitta um 1855. Philipp Spitta, der heute seinen 200. Geburtstag feiern würde, war ein demütiger und dankbarer Mann. Davon zeugen seine spontanen Empfindungen, wenn er als Pastor eine neue Wirkungsstätte antrat: "Der reizendste Punkt des Königreiches" schreibt er etwa über Hameln. Nur ein einziges Mal war der fromme Mann unzufrieden mit dem Ort, an den ihn sein Herrgott stellen wollte. "Ich habe nicht Lust nach Peine".

Dennoch nahm Spitta die Stelle des Superintendenten in der Fuhsestadt an, nicht zuletzt aus finanziellen Gründen. Spittas Freund Ludwig Adolf Petri, Pastor in Hannover, wusste von einem "doppelten Peine" zu berichten: "Das eine ist das, welches an die Öffentlichkeit heraustritt; dies schäumt unterweilen allerlei Koth aus ...". Andererseits sei in Peine "auch viel guter Grund, der in der Tiefe liegt" zu finden. So sah das wohl auch das Konsistorium, das für Spittas Ernennung zuständige kirchenleitende Gremium: "Die kirchlichen, sittlichen und socialen Verhältnisse in Peine erfordern eine ausgezeichnete Kraft, welche begabt genug ist, ... um mit der Macht des lautern Gotteswortes ... Entfremdetes mit dem Leib Christi zu vereinigen ...".

Peine - ein Sündenbabel? Der Schlüssel zu Spittas beruflichen Bauchschmerzen liegt in seiner Biographie. Carl Johann Philipp Spitta wurde am 1. August 1801 in Hannover geboren. Als wissbegieriger Schüler besuchte er zunächst das Gymnasium, musste es aber mit elf Jahren wegen einer schweren Erkrankung wieder verlassen. 1815 begann er eine Uhrmacherlehre und war dabei nicht ungeschickt, aber höchst unglücklich. Nebenher lernte er heimlich Geschichte und Latein oder las in der Bibel, denn eigentlich wollte er Theologie studieren.

Dafür war aber bereits sein jüngerer Bruder vorgesehen. Zwei Söhnen hätte die Mutter das Studium nicht finanzieren können, da der Vater bereits 1805 gestorben war. Der etwas makabre Umstand, dass dieser Bruder bei einem Badeunfall ums Leben kam, ermöglichte, dass Spitta die ungeliebte Uhrmacherlehre abbrechen und sein Abitur nachholen durfte. Spitta weinte vor Glück, als er 1819 erneut vor dem Eingang seines Gymnasiums stand.

Bereits 1821 begann er in Göttingen das Theologiestudium. Die rationalistische, vernunftbetonte Theologie, die ihm beigebracht wurde, gefiel Spitta nicht. Von Anfang an war der christliche Glaube für ihn etwas Fühlbares und Erfahrbares. Nebenbei entwickelte sich seine Leidenschaft, Gedichte zu schreiben. Er gehörte einem Poetenkreis an, der sich "Tafelrunde" nannte und dem einige Zeit später auch Heinrich Heine beitreten sollte. Heine lieh Spitta sogar Geld für die erste Harfe und war auch sonst angetan von dem Studenten und dessen sprachlichen Fähigkeiten. Doch die Freundschaft zerbrach, als Spitta sich nur noch der Dichtung zum Lobe Gottes widmete und einen sarkastischen Witz Heines über ein Kruzifix nicht im Geringsten lustig fand. Spitta jagte Heine fort.

Bereits in jungen Jahren war Spitta in den Verdacht geraten, ein "Mystiker" zu sein, ein religiöser Schwärmer und Wundergläubiger. Auch Heine nannte ihn einmal spöttelnd "mein kleines Mystikerchen". Tatsächlich war er ein Anhänger der aufkommenden Erweckungsbewegung, die sich gegen eine "Überfremdung" der Theologie durch Philosophie und Zeitgeist und für eine Rückbesinnung auf die biblischen Grundlagen einsetzte.

Der Vorwurf des Mystizismus sollte ihn auch auf seiner weiteren Pastorenlaufbahn verfolgen, die Spitta nach Sudwalde, Hameln und Wechold führte. Überall fand er Menschen, die ihn wegen seiner lebendigen und authentischen Art zu predigen schätzten. Anfeindungen gab es überwiegend aus dem eigenen Lager. Seine Erweckungstheologie trug ihm den Spott und die Polemik rationalistischer Pastorenkollegen ein, die ihn sogar bei den Kirchenbehörden verleumdeten - ein Konflikt, der heute vielleicht mit dem schwierigen Verhältnis zwischen evangelikaler und historisch-kritischer Theologie zu vergleichen wäre.

Doch gerade aufgrund seiner schlichten, volksnahen Frömmigkeit hatte sich der Liederdichter Spitta im ganzen Land einen Namen gemacht. Im Jahr 1833 erschien der erste Teil seiner Liedersammlung "Psalter und Harfe", die zum verbreitetsten Erbauungsbuch des 19. Jahrhunderts avancierte. Es erfuhr über 60 Auflagen und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Noch heute sind sechs Lieder aus dieser Sammlung im Evangelischen Gesangbuch enthalten, so das wohl bekannteste Spitta-Lied "O komm, du Geist der Wahrheit" (EG 136).

Plötzlicher Tod

1847 wurde Spitta zum Superintendenten in Wittingen berufen, 1853 wurde er nach Peine versetzt. Mit 58 Jahren und ungebrochenem Tatendrang übernahm er die Superintendentur in Burgdorf, die er bis zu seinem unerwarteten Tod am 28. September 1859 nach einem Herzkrampf nur zweieinhalb Monate bekleiden sollte. Von seiner Einführung in Burgdorf berichtete Spitta euphorisch: "Am vorigen Sonntag hielt ich meine Aufstellungspredigt vor einer Versammlung wie ich sie seit Wittingen nicht gesehen habe." Dabei lag Spittas Dienst in Wittingen nur sechs Jahre zurück. Die einzige Station dazwischen: Peine.

Breite Straße in Peine mit Blick auf die alte Superintendentur und die alte St.-Jakobi-Kirche 1886. Dort gehörten zu Spittas "Inspektion" (Kirchenkreis) neben Peine die Orte Rüper, Dungelbeck, Woltorf, Schmedenstedt, Klein Ilsede, Münstedt, Oberg, Gadenstedt mit Groß Ilsede, Groß Lafferde, Klein Lafferde und Lengede. Der neue Superintendent traf auf geistliches Ödland. Auf Kirchenkreisebene führte er Pastorenkonvente und regelmäßige Visitationen ein. Da ihm auch die Aufsicht über die Schulen oblag, gründete er eine gemeinsame Prediger- und Lehrerkonferenz.

Spitta wähnte sich dennoch zunächst "in einem wahren theologischen Wohlstande", denn im Gegensatz zu Wittingen durfte er sich in Peine die Arbeit mit einem Kollegen teilen. Schon damals besaß die Jakobi-Gemeinde zwei Pfarrstellen, so dass Spitta nicht jeden Sonntag selbst predigen musste, sondern sich gelegentlich an der Predigt seines "vortrefflichen Kollegen, des Pastor Meyer" laben konnte. Zwischendurch fand der Geistliche Zeit, für das Konsistorium mehrere theologische Gutachten über Gottesdienst- und Schulfragen zu verfassen.

Streit ums Freischießen

Doch dies alles war ja nur der kirchliche Elfenbeinturm. In der rauen Weltlichkeit mischte sich Philipp Spitta ausgerechnet in das Allerheiligste der Peiner ein - und das war natürlich nicht etwa der Gottesdienst, sondern das Freischießen.

Hier bahnte sich ein Konflikt an, als einige junge Männer ihn "um einen Beitrag zu den Kosten eines Fackelzuges" baten, "welcher am Sonnabend vor demjenigen Sonntage veranstaltet werden soll, an welchem das hiesige Freischießen seinen Anfang nimmt". Nicht mit Spitta! Noch am selben Tag schrieb er an "den wohllöbl. Magistrat der Stadt Peine" und pochte auf die Einhaltung der "Sabbaths-Ordnung v. 25. Januar 1822", "durch welche verboten bleibt, an dem den Sonn-, Fest- und Bußtagen vorhergehenden Tage öffentliche Lustbarkeiten anzustellen, auch nach 10 Uhr keine öffentliche Musik gemacht werden soll."

Bei dieser Gelegenheit wies Spitta gleich darauf hin, dass auch das Scheibenschießen am Sonntag erst nach dem Nachmittagsgottesdienst stattzufinden habe. Dieser würde von 13.45 bis 15.30 Uhr dauern. Der Geistliche setzte sich durch - denn die Verantwortlichen der Stadt spurten damals noch - und brachte so den Zeitplan des Freischießens gehörig durcheinander. Und die Bevölkerung gegen sich auf. Seine Amtsvorgänger hatten den besagten Gottesdienst während des Freischießens einfach ausfallen lassen. Auch seien die Bestimmungen der Sabbath-Ordnung in den letzten 40 Jahren nie angewandt worden, beklagten sich die Bürger.

Pastor Martin Lechler (links) und Hans-Hinrich Munzel, Vorsitzender des Philipp-Spitta-Vereins, sind stolz auf die druckfrische Festschrift. Foto: Lothar Veit Pastor Spitta ließ sich von derlei Argumenten nicht beeindrucken. Schon mehrfach hatte er mit Hinweis auf die Gottesdienstzeiten dafür gesorgt, dass öffentliche Veranstaltungen verschoben oder abgesagt wurden. Mit dem Freischießen war jedoch eindeutig der Gipfel erreicht. Dabei versicherte Spitta, dass er den Peinern "die Freude eines Volksfestes" sehr wohl gönne, allerdings "in den Schranken der Gottesfurcht u. gesetzlichen Ordnung".

Griff zur Selbstjusitz

Davon hielten die Peiner wenig. Sie griffen zur Selbstjustiz. Jemand warf dem Superintendenten eine Fensterscheibe ein, ein anderer malte mit Kreide einen Teufel auf die Kirchentür, an einem Freischießen-Sonntag wurde die Kirchturmuhr heimlich eine Stunde vorgestellt. Da half auch Spittas Friedensangebot nicht, wenn er am Abend des Königseinzuges stets daran dachte, die Fenster seines Pfarrhauses an der Breiten Straße "durch reichliches Aufstellen von Lichtern und Blumen in würdiger Weise zu illuminieren."

Es war ein Trost für den Theologen, dass ihm die Universität Göttingen 1855 überraschend die Ehrendoktorwürde zusprach. Sie würdigte damit seine "innigfromme, unter allen Anfechtungen standhaltende Hirtenpflege", mit der er "ein vorleuchtendes Beispiel pastoralen Lebens und Wirkens für die ganze Landeskirche" sei. Als die Peiner von Spittas Tod erfuhren, war auch sein Nachruf in der Peiner Zeitung versöhnlich: "Wie er durch seinen wahrhaft christlich frommen Sinn in Predigt und Leben viel Liebe hinterläßt, so wußte er bei genauester und treuster, dabei aber auch nachsichtiger und freundlicher Aufsichtsführung über seine Diöcesanen von allen Seiten Hochachtung und Verehrung sich zu erwerben".

Verehrung wird Carl Johann Philipp Spitta zweifelsohne auch an seinem heutigen 200. Geburtstag zuteil. Auch von denen, deren Erinnerung an ihn nach wie vor von seiner Sturheit in Sachen Freischießen überschattet wird? Sie sollten akzeptieren, dass für den frommen Spitta der Satz Martin Luthers gegolten haben muss: "Hier stehe ich und kann nicht anders". Die Zeiten haben sich geändert; spätestens, seit Peiner Superintendenten Mitglied im Bürger-Jäger-Corps sind - oder in anderen wichtigen Korporationen.

(erschienen in der Braunschweiger Zeitung/Peiner Nachrichten am 1. August 2001)

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