"Ich war einfach nur ein Kind"

Martin Walser las im Peiner Forum aus seinem jüngsten Roman "Ein springender Brunnen"

Von Lothar Veit

Foto: Henrik Bode PEINE. Als Martin Walser seinen Platz einnimmt, wirft er zuerst einen prüfenden Blick auf die Flasche Rotwein, die auf dem Tisch für ihn bereit steht. Er nickt zustimmend und trinkt das erste Glas fast hastig, während Hubertus Gillmeister den Autor begrüßt. Auf Einladung der Buchhandlung Gillmeister und der Kreisvolkshochschule war am Montag mit Walser einer der bekanntesten deutschsprachigen Schriftsteller im Peiner Forum zu Gast, in dem noch einige Zuhörer mehr Platz gefunden hätten.

Ohne große Vorrede beginnt der 72-jährige Martin Walser aus seinem jüngsten Roman "Ein springender Brunnen" zu lesen. Der Autor, der für seine Formulierkunst bekannt ist, brilliert auch als Vortragender. Er erzählt mit facettenreicher Stimme, verleiht seinen Sätzen mit flüchtigen Gesten Nachdruck. "Ich lese jedes Mal anders", gesteht er hinterher. Da die Peiner ein stilles Publikum zu sein schienen, "habe ich versucht, schauspielerischer zu lesen".

Foto: Henrik Bode Der Roman erzählt die Geschichte von Johann, der in dem kleinen Dorf Wasserburg am Bodensee aufwächst. Das Buch behandelt die Jahre 1932, 1938 und 1944/45. Walser, der nicht nur Martin, sondern mit zweitem Vornamen Johannes heißt, hat damit seinen ersten autobiographischen Roman geschrieben. Johanns Eltern betreiben eine Gastwirtschaft, die "Restauration", und kommen finanziell nur schwer über die Runden. Während die tüchtige Mutter den Laden am Laufen hält, ist der Vater eher ein Traumtänzer, der manchmal große Geschäfte wittert (Silberfuchsfarm, Angorahasenwolle, Seidenraupenzucht), aber keines verwirklichen kann.

Dennoch bewundert Johann seinen Vater - wenigstens für Äußerlichkeiten ("er trug die schönsten Jacken"). Und der Vater lehrt ihn, schwierige Wörter zu buchstabieren, "bis sie sich nicht mehr wehren". Johann lernt mit großem Eifer Lesen, bevor er in die Schule kommt, indem er aus den Schulbüchern seines älteren Bruders mitlernt. Er entwickelt ein Bedürfnis nach Anerkennung, wenn er nicht altersgemäße Taten vollbringt; nicht zuletzt deshalb, weil sein Freund und Rivale Adolf nach Johanns Meinung immer etwas besser ist als er.

Foto: Henrik Bode "Der Eintritt der Mutter in die Partei" ist die Episode, die für die Entstehung des Romans ausschlaggebend war. Die Mutter tritt Weihnachten 1932 in die NSDAP ein, damit die Versammlungen der "neuen Partei" künftig in der "Restauration" stattfinden könnten, aus wirtschaftlichem Kalkül also, oder vielmehr: aus echter Existenznot. Walsers Mutter, die in Wirklichkeit schon im April 1932 in die Partei eingetreten war, bezeichnet er in der anschließenden Fragerunde als große Katholikin, neben der er in einem Atemzug "höchstens Thomas von Aquin persönlich nennen" könne.

Das ist das Konzept des Buches: Es beschreibt, aber es bewertet nicht. Es nennt Gründe, aber es verurteilt nicht. In der Diskussion wird Walser deutlich: "Man muss offenbar entweder ein antifaschistisches Kind gewesen sein oder ein faschistisches. Ich war aber einfach nur ein Kind." Man könne an das Verhalten der Menschen damals nicht eine Messlatte anlegen, die auf heutigem Wissen beruhe.

Auf einen Vorwurf aus dem Publikum, dass Alltagsgeschichten während der NS-Zeit doch auch in vielen anderen Büchern schon behandelt worden seien, reagiert Walser gelassen: "Und wenn tausend Bücher dieses Thema schon erledigt haben, entbindet mich das nicht von meiner Bedürftigkeit, meine eigene Geschichte zu beschreiben". Martin Walser schenkt sich ein zweites Glas Wein ein und genießt den zustimmenden Applaus.

(erschienen in der Braunschweiger Zeitung/Peiner Nachrichten am 15. September 1999)

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