Singen, um gehört zu werden

Vorwort

Es ist noch nicht entschieden, was zuerst da war, das Wort oder der Gesang. Noch wird Martin Buber gern geglaubt, "dass das Geheimnis der Sprachwerdung und das der Menschwerdung eins sind". Doch mit jedem Mythos, der zur Sprache kommt, tun sich neue Geheimnisse auf. Zum Beispiel die Frage, ob das Lallen eines Säuglings eine erste Lautgabe auf dem Weg zum bewussten Sprechen oder zum bewussten Singen sei. Ob das erste "Mama" schon ein gewolltes Wort oder ein ungewollter Singsang ist. Ab wann werden Wunsch und Wille, Wohlgefallen und Unbehagen deutlich und deutbar kundgetan? Das sind keine bloßen Kinderfragen. Das reicht im Reich der Erwachsenen bis ins Politische.

Das vorliegende Buch ist Joachim Schwarz gewidmet. Denn es gibt viele gute Gründe dafür, dass alle Textautoren und Melodisten, deren Lieder in diesem Buch versammelt sind, über die jüngste Jahrhundertschwelle hinweg dieses Kirchenmusikers, Lehrbeauftragten und Diakons gedenken, nicht nur aus Pietät und kollegialer Dankbarkeit.

Joachim Schwarz (1930-1998) hatte an der Musikakademie Lübeck und in Hamburg an der Hochschule für Musik studiert. Von seinem Kompositionslehrer Hans Friedrich Micheelsen war ihm beigebracht worden, dass jedes neue Lied in der Regel mit einem neuen Text beginnt. Woraus nach seiner Theorie und Meinung folge, dass die Melodie eines neuen Liedes zunächst in dem neuen Wortlaut zu suchen, zu finden und zu gestalten sei. Darauf hat Joachim Schwarz gehört und geradezu geschworen. Und wurde ein langsamer und bedächtiger Komponist. Oft sprach er die neuen Liedtexte, die ihm gefielen, laut vor sich hin (es waren nicht viele, denn er war wählerisch). Am liebsten sprach er sie laut und lauschte den neuen Wortlauten, manchmal auch auf Bahnfahrten. Fünf seiner Liedkompositionen, die so oder so ähnlich entstanden, sind im Evangelischen Gesangbuch zu finden. Zu dem beliebten Kanon "Ausgang und Eingang" hat er sich den Text selbst gemacht.

Auch als Komponist war und blieb Joachim Schwarz neuen Texten gegenüber ein gelernter Diakon. Er respektierte und achtete nicht nur die Eigenart jedes neuen Sprachgebildes, er fuhr aus der Haut, regte sich auf und konnte wunderbar schimpfen, wenn ihm zu Augen und zu Ohren kam, wie manch einer der vielen ambitionierten Komponisten dem Bonhoeffer-Gedicht "Von guten Mächten treu und still umgeben" eine Melodie aufzwang, die mit dem Wortlaut nicht übereinstimmte, dem Sprachleib des Gedichts Gewalt antat. Eher unbewusst als systematisch stieß Joachim Schwarz immer wieder auf die zu klärende Frage, ob und in welchem Maße ein Liedkomponist auf die immanente Sprachmelodie eines neuen Textes zu achten habe (sofern dieser ausreichende poetische Qualitäten aufweist), oder ob er ebenso auch einem eher unbewussten schönen Lala folgen könne, das sich nicht ohne Weiteres zu einem neuen Ganzen mit dem Wortlaut verbinden lässt.

Hierin liegt wohl auch der tiefere Grund für Joachim Schwarzens Bemühen, Textautoren und Liedkomponisten frühzeitig miteinander bekannt zu machen und ihnen Jahr für Jahr ein gemeinsames Arbeitstreffen zu ermöglichen. Und in der Einsicht zugleich, dass solche phänomenalen wie handwerklichen Probleme immer nur von Fall zu Fall zu lösen sind. Am jeweils konkreten Beispiel, wie in allen anderen Künsten auch.

1997, ein Jahr vor seinem Tod, ist daraus die Gruppe TAKT hervorgegangen - oder vielmehr: der Name der Gruppe, der als Abkürzung für TextAutor/innen- und Komponist/innen-Tagung steht. Denn die Anfänge der kreativen Zusammenkünfte reichen bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zurück. 1946 gab Hermann Stern (Landeskirchenmusikwart in Stuttgart) erstmalig das Heft "Unser Monatslied" heraus. Zur alljährlichen Fortführung dieses Projektes fanden bald Komponistentagungen statt. Der Kreis, der dort zusammenkam, war inner-evangelisch, verstand sich aber ökumenisch verbunden. Dafür war der Titel "Unser Monatslied" kennzeichnend. Im Jahr 1950 wurde die "Arbeitsgemeinschaft für evangelische Jugendmusik (seit 1962 "AG Musik in der evangelischen Jugend", heute "Bundesverband Kulturarbeit in der evangelischen Jugend") gegründet. Sie begann noch im selben Jahr mit so genannten Werkstatttagungen für Maler, Schriftsteller und Komponisten im Eichenkreuzheim in Willingen (Sauerland). Die im Jahr 1947 entstandene katholische "Werkgemeinschaft Lied und Musik" veranstaltete ebenfalls jährliche Tagungen. 1971 bis 1978 kam es zu gemeinsamen Autorentagungen der Werkgemeinschaft mit der "AG Musik". Seit Anfang der neunziger Jahre finden die Text- und Kompositionstagungen ohne institutionellen Unterbau statt. Die Gruppe machte sich selbständig, erst ohne, dann mit Namen.

Innerhalb des kirchlichen Spektrums ist TAKT eine Besonderheit. TAKT ist weder ein Verein mit entsprechender Satzung noch eine Einrichtung oder ein Werk der Kirche. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind sich über die Arbeitsweisen und Spielregeln im Klaren, ohne dass es festgeschriebene Statuten gibt. Dazu gehört auch, dass TAKT sich selbst finanziert. Das Ziel der Gruppe ist ein doppeltes. Erstens: Gemeinsam lernen, neue Texte und Melodien entstehen zu lassen und ebenso kritisch wie förderlich mit ihnen umzugehen. Zweitens: Nach Mitteln und Gelegenheiten suchen, um neue Lieder den Gemeinden bekannt zu machen und in der Öffentlichkeit zu erproben.

Die jährlichen Tagungen haben jeweils einen thematischen Schwerpunkt. In den Jahren vor den evangelischen Kirchentagen ist es immer dessen Losung. Oft lädt sie zu intensiver Beschäftigung mit biblischen Texten ein. Einführende Referate zu bestimmten Themenbereichen klären Hintergründe und Umfeld. Das gilt auch für die anderen Tagungen, deren Themen frei gewählt werden. Die können sehr unterschiedlich sein: Mal liefert sie der Tagungsort (1989 in Helmstedt "Auf der Grenze", 1997 in Rheinsberg "Komm in den totgesagten Park und schau", 2000 in Papenburg "Gefangen in der Weite"), mal werden aktuelle Fragen aufgegriffen (1999 "Mystik und Widerstand", 2005 "Lebensmittel Wasser"), mal sind es im engeren Sinne kirchliche Themen (1984 "Thema Gemeindelied", 1994 "Der Lobgesang - Psalm 113-119", "Apostelgeschichten 1992 und 1995", 2007 "Lieder zur Passion"). Auch wenn die Teilnehmenden sich darüber im Klaren sind, dass ihre Lieder, wenn, dann primär in kirchlichen Kreisen gesungen werden, so zeigen die Ergebnisse ihrer Arbeit, dass sie dadurch ihre Kreativität nicht funktionalisieren lassen.

In der Praxis sieht das so aus: Texte und Melodien werden im stillen Kämmerlein erdacht, danach in Gruppen diskutiert und erst dann "abgesegnet", wenn keine gravierenden Einwände mehr bestehen. Zwei bis drei vorläufige Fassungen sind somit keine Ausnahme, bevor ein Werk durch den Text- und Kompositions-"TÜV" kommt. Strenge Regeln, die sich die Gruppe selbst auferlegt hat und seit Jahren nicht mehr missen möchte.

Die Lieder, die in diesen intensiven Prozessen entstanden sind, wurden gelegentlich am Ende einer Tagung in einem Werkstattkonzert der Öffentlichkeit vorgestellt. Immer aber gibt es eine schriftliche Dokumentation mit allen Texten und Liedern, die den Beteiligten und weiteren Interessierten zugesandt wird. Nicht wenige Lieder haben später einen Weg gemacht, auf den die Verfasser nur begrenzten oder keinen Einfluss mehr hatten. Gerade weil ein Text - ob vertont oder unvertont - nicht rückholbar ist, sobald er in der Welt ist und unbegrenzt vervielfältigt werden kann, versuchen die TAKT-Mitglieder, ihre Lieder schon vorher zu testen: Kann man das Lied in einer Weise missverstehen, wie es der Autor keinesfalls gewollt hat? Ist der Text singbar? Für Einzelne? Oder für viele?

Dieses Buch dokumentiert einen kleinen Ausschnitt aus der TAKT-Arbeit, auch aus der Zeit, da die Gruppe diesen Namen noch nicht trug. Manche Lieder sind auf Kirchentagen oder anderswo prominent geworden, andere harren noch der Entdeckung. Gleich, ob das Wort oder der Gesang zuerst da war - die Gruppe TAKT möchte beides fördern: bewusstes Sprechen und bewusstes Singen.

Hartmut Handt
Arnim Juhre
Lothar Veit

(erschienen in: "Singen, um gehört zu werden". Herausgegeben im Auftrag der Autorinnen- und Autorengruppe TAKT von Susanne Brandt, Frank Fockele, Hartmut Handt, Arnim Juhre, Klaus-Uwe Nommensen, Hartmut Reußwig und Lothar Veit, Strube Verlag, Edition 6391, München 2007, 139 Seiten, 5 Euro.

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