"Manchmal möchte man alles hinschmeißen"

Willi Baake aus Magdeburg pflegt seit fünf Jahren seine an Alzheimer erkrankte Frau / Alzheimer Gesellschaft unterstützt Angehörige

Von Lothar Veit

Hanna und Willi Baake aus Magdeburg. Foto: Lothar Veit MAGDEBURG. Vor fünf Jahren erkrankte die Magdeburgerin Hanna Baake an Alzheimer. Die Diagnose veränderte ihr Leben und das ihres Mannes, der sie seither pflegt. Gemeinsame Unternehmungen und Gespräche sind kaum noch möglich. Dennoch wäre es für Willi Baake unvorstellbar, seine Frau im Stich zu lassen. Hilfe fanden die beiden bei der Alzheimer Gesellschaft Sachsen-Anhalt.

Es war alles ganz anders geplant. Goldene Hochzeit wollten sie feiern, den Ruhestand genießen, angeln, den Kleingarten pflegen, verreisen. So sahen 1999 die Pläne von Willi und Hanna Baake aus. Im selben Jahr brach bei Hanna Baake die Alzheimer-Krankheit aus. "Es hat über ein Jahr gedauert, bis wir zur Hausärztin gegangen sind. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben", sagt Willi Baake heute.

Ende 1998. Willi Baake hat am 2. Weihnachtstag Geburtstag. Seinen 70. feiert er mit ehemaligen Arbeitskollegen. Seine Frau vertut sich mit dem Geschirr, deckt das falsche auf. Die Kollegen amüsieren sich darüber. Sie tun es, wie Willi Baake, als harmlose Schusseligkeit ab. Doch dabei bleibt es nicht. Später sortiert Hanna Baake das Besteck falsch ein, verlegt den Hausschlüssel, verwechselt Kleidungsstücke. Spätestens als sie versucht, mit dem rechten Fuß in den linken Schuh zu steigen, schrillen bei Willi Baake die Alarmglocken. Im Jahr 2000 gehen beide zur Hausärztin. Die überweist sie an einen Facharzt, einen Neurologen. Noch immer wissen sie nicht, was los ist. Ein Tumor? Normale Alterserscheinungen?

Selbst wenn es sich um eine Form der Demenz handelt, muss es ja nicht zwangsläufig Alzheimer sein, hofft Willi Baake. Unter Demenz versteht man Störungen geistig-seelischer Leistungen wie Gedächtnis, Sprache und Denkvermögen - bei ansonsten klarem Bewusstsein. Einige Demenzformen sind behandelbar, die Alzheimer-Krankheit kann hingegen maximal etwas gebremst werden. Wenn sie rechtzeitig erkannt wird.

Bei Hanna Baake war es bereits zu spät. "Ein Schock!", sagt Willi Baake. "Es war schon zuviel Zeit verstrichen, in der wertvolle Hilfe hätte erfolgen können." Inzwischen hat sich die Krankheit zu einer "schweren Alzheimer-Demenz" entwickelt. So steht es in einem Gutachten vom August 2003. Solche Gutachten sind die Grundlage, um eine Pflegestufe zu beantragen. Auch damit hatte Willi Baake lange gewartet. "Anfangs habe ich versucht, meine Frau zu pflegen, ohne jemanden zu belästigen", sagt er. "Aber inzwischen habe ich erkannt, dass es zwingend notwendig ist, sich fachliche Hilfe zu holen."

Diese Hilfe bietet die Alzheimer Gesellschaft in Diesdorf. Dort gibt es nicht nur regelmäßige Vorträge und Angehörigentreffen, sondern auch die Möglichkeit, Kranke tageweise in einer Gruppe betreuen zu lassen. Wertvolle Zeit, in der die Angehörigen einkaufen gehen oder den Haushalt erledigen können. Oder sich um ihre eigene Gesundheit kümmern. "Die pflegenden Angehörigen sind oft auch nicht mehr die Jüngsten", sagt Harald Jaap, Leiter der Beratungs- und Betreuungsstätten der Alzheimer Gesellschaft. "Die Gefahr ist groß, dass sie durch ihre anstrengende Rund-um-die-Uhr-Betreuung selber zum vorzeitigen Pflegefall werden."

Die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen der Diesdorfer Betreuungsstelle haben viel Erfahrung im Umgang mit Alzheimer-Dementen. Sie beteiligen die Kranken an der Essenszubereitung, basteln oder malen gemeinsam, hören Musik oder singen - und sind vor allem freundlich. "Maßregeln hilft überhaupt nicht, wenn etwas nicht klappt. Der Demenz-Kranke wird es nicht verstehen", sagt Harald Jaap. Eine Grundregel, die vor allem die pflegenden Angehörigen verinnerlichen müssen.

"Der Kranke lebt in seiner Vergangenheit"

"Wenn man den Kopf teilt in ein Denk- und ein Gefühlshirn, dann geht das Denkhirn schrittweise verloren", erklärt Jaap die Krankheit. "Der Alzheimer-Demente lebt zunehmend in seiner Vergangenheit." An dieser Erkenntnis orientieren sich mögliche Therapieformen. Die Heilpädagogin Sabrina Mewes bietet in Diesdorf seit Anfang November eine Musiktherapie an. In der Adventszeit singt die Gruppe Weihnachtslieder. Die Kranken können alle Strophen von "Oh Tannenbaum" auswendig, eine Betreuerin muss vom Zettel ablesen.

Hanna und Willi Baake aus Magdeburg. Foto: Lothar Veit Aus den Liedern ergeben sich Anknüpfungspunkte für Gespräche. Eine Frau singt: "Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, der Lehrer hat mich blau gehau'n...". Sabrina Mewes fragt nach: "Hat er das wirklich gemacht?" - "Ja", antwortet die Frau, "wir mussten dazu beide Hände auf den Tisch legen." Jeder kann eine Episode aus seiner Schulzeit beisteuern. Als die Pädagogin eine CD auflegt, wippen die Hände im Takt zur Musik von Johannes Heesters. Die Frauen singen bei Marika Rökk mit. Sabrina Mewes zeigt ein Foto der Künstlerin: "Das war sie", sagt sie. "Das ist sie noch", antwortet eine Frau im Brustton der Überzeugung. Richard Tauber singt: "Gern hab' ich die Frau'n geküsst". "Ich auch!", ruft einer aus der Gruppe, dem man das sofort abnimmt.

Dass die Musik Alzheimer-Kranken gut tut, hat auch Willi Baake festgestellt. Während seine Frau an Nachrichtensendungen keinen Anteil nimmt oder den Fernseher sogar als Bedrohung empfindet, wirken Musiksendungen anders auf sie. "Ja, die alten Lieder kennt sie noch", sagt Willi Baake. Und Hanna Baake mischt sich zum ersten Mal verständlich in das Gespräch ein. Denn nicht jede Musik gefällt ihr: "Da muss was dabei sein", sagt sie, "nicht nur so..." Sie imitiert bewusst einen einfallslosen Rhythmus.

Das sind die schönen Augenblicke im Eheleben der Baakes. "Für mich ist es ein Erfolgserlebnis, wenn meine Frau zufrieden ist", sagt Willi Baake. "Zwischen uns muss ständige Harmonie herrschen." Er lässt sie gewähren, wenn sie sich im Haushalt nützlich machen will und dann das Geschirr mit kaltem Wasser abwäscht. Er spült danach halt alles nochmal ab, das ist der Alltag.

"Was tabu war, muss überschritten werden"

"Meine Frau kann hören und sehen, aber nur wenig verstehen und wahrnehmen. Sie kann sprechen, sich aber kaum verständlich machen. Sie kann gehen, ist aber orientierungslos." Willi Baake kann seine Frau keine Minute mehr aus den Augen lassen. Am schwersten fällt ihm die tägliche Körperhygiene. Er muss ihr die Zähne putzen, sie aus der Badewanne heben - eine ständige psychische und physische Belastung. "Dinge, die früher tabu waren, müssen überschritten werden."

Manchmal klingt Willi Baake verbittert, fragt sich: "Warum musste gerade uns das passieren?" Es gebe Momente, da möchte man am liebsten alles hinschmeißen, sagt er. Als pflegender Angehöriger ist er von der Außenwelt isoliert. Aber er sagt auch: "Durch die Krankheit sind wir uns noch näher gekommen als in 55 Ehejahren." Unvorstellbar für ihn, seine Frau in ein Heim zu geben. "Das Zuhause kann durch kein Heim ersetzt werden."

Noch immer gehen die beiden im Sommer in ihren Kleingarten, machen Spaziergänge oder fahren ab und zu ins gemeinsame Heimatdorf Calvörde. Dort flackert manchmal die Erinnerung auf, wenn Hanna Baake am Grab ihrer Eltern steht. Aber auch ein Dorf verändert sich, und die alten Bilder verblassen zusehends. Willi und Hanna Baake führen ein anderes Leben als früher. Sie führen es trotzdem zu zweit. Im Januar werden beide zusammen 150 Jahre alt.

(erschienen in der Magdeburger Volksstimme am 8. Januar 2005)

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