Noch schlägt das gläserne Herz im Bayerischen Wald

In Frauenau eröffnet ein einzigartiges Museum

Von Lothar Veit

Der Glaskünstler und Maler Erwin Eisch in seinem Atelier vor einem neuen Werk, das noch keinen Namen hat. Foto: Lothar Veit Das "gläserne Herz" des Bayerischen Waldes - so nennt sich der kleine Erholungsort Frauenau selbstbewusst. Doch was ist zu tun, damit dem Tourismus auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nicht der Herzstillstand droht? In der einstigen Hochburg der Glasbläserei setzen die einen auf Massenware aus Billiglohnländern, die anderen auf hochwertige Glaskunst. Und auf das neue Glasmuseum, das im Mai 2005 eröffnet werden soll.

Für Stephan Freiherr von Poschinger war es die beste Werbung, die er sich wünschen konnte. Vergangenes Jahr ließ sich ein Fernsehteam in seiner Glashütte nieder. Der beschauliche Glasbläserort Frauenau hatte in den 70er Jahren nicht nur Filmemacher Werner Herzog zu seinem düsteren Streifen "Herz aus Glas" inspiriert, sondern nun auch den Bayerischen Rundfunk. Viel umbauen musste das Team nicht. Die Poschinger-Hütte ist die älteste im Bayerischen Wald. Sie wurde 1568 gegründet und sieht mit ihrem jahrhundertealten Dachstuhl, den Scheren und Zangen und dem traditionellen Glasofen, in dessen Schlund es glutrot flackert, immer noch aus wie aus dem vorigen Jahrhundert.

Zu dieser Zeit spielt auch der Film "Glashimmel", der am 8. April 2004 erstmals im Fernsehen gezeigt wurde. "Das war ein großer Höhepunkt für uns", sagt Stephan Freiherr von Poschinger, den alle nur den "Glasbaron" nennen und der selbst im legeren Hemd und im lockeren Plausch ein bisschen baronisch wirkt. Seine Arbeiter durften in dem Film als Statisten glasblasen. Die täuschend echt wirkenden Requisiten hat Poschinger zum Teil einfach stehen gelassen. Sie fügen sich perfekt in das Original-Ambiente ein. Nun erzählt er Touristen gern die Geschichte, wie vor kurzem ein vom Alkohol benebelter Mann einen Ausgang suchte, eine Türattrappe fand, dahinter gegen den Getränkeautomaten der Belegschaft rummste und zu Boden ging.

Grundlage für das schnulzige Fernseh-Melodram war ein Buch über die Geschichte der Poschingers, das älteste Familienunternehmen der Welt. "Die Handlung ist etwas dünn, aber das Leben der Glasarbeiter ist gut dargestellt", sagt der 65-jährige Baron, der den Betrieb in der 14. Generation führt. Im Film schimmert jene Glasbläser-Romantik durch, die heute nur noch mühsam für Touristen inszeniert wird. Die Zeiten haben sich geändert. Von den vielen neu errichteten und geschlossenen Hütten der Poschinger-Dynastie ist diese eine in Frauenau übrig geblieben. Während hier nach dem Zweiten Weltkrieg 450 Arbeiter für ihr täglich Brot schwitzten, sind es heute gerade noch 26. Sie schwitzen für die wochentäglichen Besucher, die aus den Reisebussen klettern.

Angesehene Adresse für Jugendstilgläser

Stephan Freiherr von Poschingers Vorvätern gehörte praktisch ganz Frauenau. Aber auch die Machtverhältnisse sind nicht mehr wie früher. Lange her, dass der Adel das Sagen hatte. Die Demokratie bringt es mit sich, dass der Glasbaron zwar für die CSU im Gemeinderat sitzt, aber regelmäßig von der SPD, die in Frauenau seit Bestehen der Bundesrepublik die absolute Mehrheit hält, niedergestimmt wird. Ironie der Geschichte: Die Glasarbeiter begannen irgendwann, sich gewerkschaftlich zu organisieren und sozialdemokratisch zu wählen.

Stephan Freiherr von Poschinger mit einem Weinkelch aus seiner aktuellen Kollektion. Foto: Lothar Veit Poschinger klagt nicht. Nach wie vor ist seine Manufaktur eine angesehene Adresse für edle Jugendstilgläser. Für Besserverdienende. "Es war eine unternehmerische Entscheidung, dass wir nur Glas aus eigener Herstellung anbieten", sagt er. Da es nicht genügend Besserverdienende gibt, erschließt sich der Diplom-Volkswirt inzwischen zusätzliche Einnahmequellen und vermietet sein Hüttengebäude mit dem historischen Flair an Hochzeitsgesellschaften oder die Junge Union.

Ein Parteifreund des Glasbarons, der CSU-Bundestagsabgeordnete Ernst Hinsken, erfand 1997 die "Glasstraße". Sie führt auf über 250 Kilometern quer durch den Oberpfälzer und den Bayerischen Wald bis zur Grenze nach Tschechien und Österreich. Sie versammelt, was ohnehin schon vorhanden war, unter einem werbewirksamen Namen. Die touristische Vermarktung des Glashandwerks war einerseits eine Reaktion auf das Aussterben der traditionellen Glashütten, andererseits hat sie diese Entwicklung beschleunigt. "Als das Glas zunehmend maschinell hergestellt wurde, hat unsere Manufaktur Schaden genommen", sagt Stephan Freiherr von Poschinger diplomatisch. Ein Trendsetter ist die Firma Joska in Bodenmais mit ihrer "Kristallwelt", einer Art Disneyland für Glas-Liebhaber. Werbeslogan: "Das Erlebnis für die ganze Familie".

Mit Diplomatie hatte der Frauenauer Künstler Erwin Eisch noch nie etwas am Hut: "Diese ganze Vermarktung ist zum Kotzen!", flucht er. Der 77-Jährige darf das sagen. Er hat in den 60er Jahren die internationale Studioglasbewegung mitbegründet und gilt bis heute als ihr wichtigster Vertreter. Er etablierte Glas als künstlerischen Werkstoff und setzte dem Massendesign seine Glaskunst - bewusst ohne Gebrauchswert - entgegen. Seine Werke stehen in Berlin, Zürich, Paris, Prag, Yokohama und im größten Glasmuseum der Welt in Corning/New York.

Sein aktuelles Thema ist der Mensch. Der Mensch und seine Arbeit. Deswegen hat der gelernte Glasgraveur und Glasdesigner, dessen Vorväter bei Poschinger-Vorvätern geschuftet haben, auch keine besondere Lust, über die Glasstraße zu reden. Dabei steht sein Name in jedem Werbeprospekt. "Natürlich werde ich auch vermarktet, das ist ja das Blöde", sagt Eisch. "In Frauenau gibt es eine jahrhundertelange Tradition der Glasbläserei. Sie war immer verbunden mit Arbeit." Mit der Glasstraße sei aber alles total pervertiert worden. "Es wird nicht mehr das Handwerk gewürdigt. In den Schauglashütten werden die Glasbläser als Werbeobjekte für Importware missbraucht."

In der Glashütte Eisch wird das flüssige Glas noch wie eh und je mundgeblasen. Touristen können dabei zuschauen. Foto: Lothar Veit Erwin Eisch atmet tief durch, steht auf, geht die Treppe zu seinem Atelier hoch und kommt einige Minuten später mit zwei gläsernen Blumen wieder. Sie sind nicht besonders schön, aber identisch. Grüner Stängel, gelbe Blüten. "Die stammen aus Portugal", sagt er. Auf beiden kleben noch die Preisschilder. Bei Joska aus Bodenmais (mit einer Filiale unter anderem in Bad Füssing) soll das gute Stück 35,90 Euro kosten, die Firma Weinfurtner aus Arnbruck (mit einer Filiale unter anderem in Bad Füssing und Bodenmais) verlangt 39,90 Euro.

Es steht nirgendwo dran, dass die Glas-Blumen aus Portugal stammen. Woher will der Künstler das also wissen? "Unsere Leute im Einkauf kennen die Modelle", sagt er. Unsere Leute - das sind die Mitarbeiter der Glashütte Eisch in Frauenau. Erwin Eisch ist Mitinhaber. Die Glasmachertradition der Familie Eisch beginnt nicht ganz so früh wie die der Poschingers, aber immerhin im Jahr 1689. Die geschäftliche Verantwortung tragen inzwischen Erwin Eischs Neffe Eberhard und seine Nichte Julia. "Die importieren natürlich auch, sonst hätten sie keine Chance mehr", sagt er leise.

Als es vor knapp 30 Jahren mit Joska losging, kämpfte Erwin Eisch gegen den Kommerz mit Leserbriefen. Irgendwann hat die Zeitung sie nicht mehr gedruckt. Doch Eisch ist seinen Grundsätzen treu geblieben: "Hinter der Glasstraße steckt keine Idee, damit wird man den Tourismus nicht aufpeppen. Es ist negativ, wenn unsere Region nur noch für Billigglas steht. Wir müssen wieder individuelle, ehrliche Kunst machen."

Die Glaskunst-Szene trifft sich im Bild-Werk

So, wie sie zum Beispiel im "Bild-Werk Frauenau" entsteht. 1987 gab Erwin Eisch den Anstoß zur Gründung dieser Akademie, die nach dem Vorbild der freien Sommerschulen in den USA ein Ort für den internationalen Austausch in Glaskunst, Malerei und Bildhauerei sein sollte. Frauenau hat sich dadurch tatsächlich als ein künstlerisches Gallien zwischen all den Souvenirtempeln und Erlebniswelten behauptet. Alljährlich, im Frühjahr und im Sommer, bevölkern junge Menschen aus aller Herren Länder die Werkstätten der Akademie. Dann versprüht die 3000-Seelen-Gemeinde im Bayerischen Wald, der für viele nach Alte-Leute-Tourismus riecht, eine ungeahnte jugendlich-multikulturelle Aura. Erwin Eisch hat so die Welt nach Frauenau geholt. Ausstellungen, Kurse mit renommierten Gastdozenten, internationale Symposien - für das "gläserne Herz" könnte diese Weltoffenheit der Schrittmacher sein.

Große Hoffnungen setzen die Einheimischen auch auf das neue Glasmuseum, das direkt gegenüber der Eisch'schen Galerie gebaut wird. 1975 wurde am selben Ort das alte Glasmuseum eröffnet. Schon in ihm war die Geschichte des Glases von der Antike bis zur Neuzeit dokumentiert. 2002 wurde das Museum geschlossen, um die Ausstellungsfläche deutlich zu erweitern und neue Schwerpunkte zu setzen. Verantwortlich für die wissenschaftliche Konzeption des Museums ist die Frauenauer Ethnologin Dr. Katharina Eisch. Sie ist die Tochter von Erwin Eisch. "Unter anderem", grummelt sie leicht genervt. Sie hat es nicht nötig, sich über ihren berühmten Vater zu definieren. Wenn es um die Inhalte des Museums geht, ist sie dennoch ganz der Papa: "Wir wollen zeigen, was hinter dem Glas steht: der Mensch."

Es soll keine kunsthistorische, sondern eine kultur- und sozialgeschichtliche Ausstellung werden, sagt sie. Die Besucher sollen auf eine Reise durch die Epochen mitgenommen werden, auf rund 1300 Quadratmetern wird es Dinge zum Anfassen und Ausprobieren geben, alles nach neuesten museumspädagogischen Erkenntnissen ausgetüftelt. "Als inszeniertes Museum wird es einzigartig sein."

Im Keller des neuen Glasmuseums liegt bruchfest verpackt eines der Hauptwerke von Erwin Eisch: die Glasskulptur 'Narziss' (1971). Foto: Lothar Veit Katharina Eisch geht durch den hellen Rohbau. Die Bauarbeiten haben sich immer wieder verzögert. Zuerst war die Neueröffnung für den Sommer, dann für den Herbst 2004 vorgesehen, nun steht als hoffentlich endgültiger Termin der 27. Mai 2005 fest. Vor ihrem geistigen Auge ist schon alles fertig. "Hier zum Beispiel", sie zeigt auf eine Wand, "kommen Kunstwerke hin, die wir extra in Auftrag gegeben haben." Aus Glas natürlich. Das 6,5-Millionen-Euro-Projekt war anfangs nicht unumstritten. Aber die Finanzierung ließ sich realisieren, weil auch die Tourist-Information und eine Informationsstelle des "Nationalparks Bayerischer Wald" in dem Komplex Platz finden werden.

Erwin Eisch hält sich zurück mit Äußerungen zum neuen Museum. Sein Herz hing zu sehr am alten. Außerdem will er seiner Tochter nicht ins Handwerk pfuschen. Er radelt lieber zu einer der Werkstätten der "Bild-Werk"-Akademie. Da ist zwar zurzeit niemand, aber er guckt gern nach dem Rechten. Auch hier wird seit Monaten für das Museum gearbeitet. Die Augen des Künstlers leuchten, wenn er die Werke der jungen Menschen sieht. Sie liegen noch unvollendet auf dem Fußboden. Individuelle Kunst. Ehrliche Arbeit von Menschen.

1961 wurde im Bayerischen Wald die erste Fertigungsstraße für vollautomatisch geblasene Trinkgläser in Betrieb genommen. Klar, dass das Glasmuseum die Industrialisierung thematisieren muss. Die Menschen wurden durch Maschinen ersetzt, der Beruf des Glasbläsers stirbt langsam aus. Im neuen Glasmuseum wird es einen Extra-Raum für Produkte aus dem 20. und 21. Jahrhundert geben.

Ein Tor aus maschinell gefertigten Kelchen

Der Besucher erreicht die Gegenwart durch ein großes Tor aus 8000 maschinell gefertigten Weingläsern - 8000-mal der Kelch "Neckar", das weltweit meistverkaufte Gastronomieglas. Die Firma Schott aus Zwiesel, ein Global Player, hat die Gläser gesponsert. Katharina Eisch freut sich sehr darüber: "Die haben vielleicht den kritischen Aspekt nicht verstanden."

Das ehrgeizige Glasmuseum ist ein sichtbares Symbol dafür, dass bei den Poschingers und Eischs die nächste Generation den Staffelstab übernommen hat. Stephan Freiherr von Poschinger weiß nicht nur die Spuren seiner mehr als 400 Jahre alten Familiengeschichte im Museum gut aufgehoben, sondern ist glücklich, dass sein Sohn Benedikt diese Geschichte in der 15. Generation fortschreiben wird. Erwin Eisch wird dem Museum einige seiner wichtigsten Werke zur Verfügung stellen. Katharina Eisch wird sie in Szene setzen und als Vorstandsmitglied des "Bild-Werk" die künstlerische Philosophie des Vaters bewahren. Die Zeichen stehen gut, dass das "gläserne Herz" weiterschlägt.

(erschienen in der Magdeburger Volksstimme am 13. November 2004)

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