"Plötzlich ist mein krummer Rücken zum Symbol geworden"

Reinhard Höppner las in Bad Salzelmen aus seinem neuen Buch "Acht unbequeme Jahre"

Von Lothar Veit

Foto: Lothar Veit SCHÖNEBECK-BAD SALZELMEN. Die Buchhandlung "Kapitel 7" ist schon halb gefüllt, als das Telefon klingelt: "Hallo, hier ist Reinhard, wann geht es eigentlich los?" Man kennt sich, man duzt sich. Dem jungen Bad Salzelmener Buchhändler René Wölfer ist es gelungen, den ehemaligen Ministerpräsidenten für die einzige Lesung in Sachsen-Anhalt aus seinem neuen Buch "Acht unbequeme Jahre" zu gewinnen.

Reinhard Höppner kam dann doch pünktlich, musste vor der Lesung allerdings noch kurz der Presse Rede und Antwort stehen. "Das bin ich gar nicht mehr gewohnt", gab Höppner zu. In der bis auf den letzten Platz besetzten Buchhandlung empfingen ihn 60 Interessierte mit warmem Applaus. Unter den Gästen befanden sich auch einstige politische Weggefährten, so dass schnell eine familiäre Atmosphäre entstand.

"Acht unbequeme Jahre" - der Titel des Buches bezieht sich auf die Zeit von 1994 bis 2002, als Reinhard Höppner in Sachsen-Anhalt die Minderheitsregierung von SPD und Bündnis 90/Die Grünen mit Tolerierung der PDS leitete, das so genannte "Magdeburger Modell". Da die unbequemen Jahre für Höppner nun vorbei sind, durfte er am Dienstag in einem bequemen Sessel Platz nehmen und vorlesen, wie es dazu kam. "Viele erinnern sich nicht mehr, was die Ursachen für diese Konstellation waren", erläuterte der Politiker die Motivation für sein Buch.

Weder Abrechnung noch Leistungsbilanz

Eine Abrechnung sollte es auf jeden Fall nicht werden, eine Leistungsbilanz auch nicht, eine nachträgliche Rechtfertigung auch nicht, Memoiren schon gar nicht. Was aber dann? "Das Buch enthält Innenansichten, ohne die diese acht Jahre nicht zu verstehen sind", sagt Höppner. Und im Vorwort schreibt er: "Wenn ich mit diesem Buch ein Stück dazu beitragen könnte, dass Politik verständlicher wird, verständlicher selbst für die, die andere politische Überzeugungen haben und sich andere Entscheidungen gewünscht hätten, dann würde ich mich darüber freuen."

Foto: Lothar Veit Ein wenig erweckt der Ex-Ministerpräsident den Eindruck, als sei es das größte Manko seiner Regierungszeit gewesen, dass er die durchweg gelungene Politik nicht entsprechend vermitteln konnte. Er habe "viel zu viel Zeit" damit verbringen müssen, verkürzte Agenturmeldungen zu korrigieren, auch gegenüber den eigenen Fraktionskollegen. So nimmt die Medienkritik in Höppners Buch und bei der Lesung in Bad Salzelmen einen breiten Raum ein.

Reinhard Höppner:
Acht unbequeme Jahre
224 Seiten
Mitteldeutscher Verlag
Halle (Saale) 2003
ISBN 3-89812-175-5
Auch die Volksstimme kriegt ihr Fett weg. An Höppners letztem Amtstag begleitete ihn und seinen designierten Nachfolger jeweils ein Journalist. Im Schlusskapitel seines Buches ist zu lesen: "Im Auto dann ein Gespräch, in dem ich immer wieder deutlich zu machen versuchte, dass ich keineswegs deprimiert bin." Doch was machte die Zeitung daraus? "Reinhard Höppner geht im Schnellschritt durch den Vorgarten seines Hauses. Vielleicht noch ein bisschen mehr gebeugt als sonst. Die kommenden Stunden drücken ihn ...".

Seinen krummen Rücken, so erzählt Reinhard Höppner den Bad Salzelmenern, habe er schon zeitlebens. Aber nun sei er plötzlich zum Symbol geworden. "Ich erschien als der vom Amt niedergedrückte Ministerpräsident. Ich wusste das und konnte doch nichts dagegen machen."

Den Volksstimme-Rezensenten will gerade das mulmige Gefühl beschleichen, dass er und seinesgleichen wohl die Hauptschuld am politischen Niedergang der Höppner-Regierung tragen. Doch da sagt der Ministerpräsident a.D. den erlösenden Schlusssatz: "Journalisten haben es aber manchmal auch nicht leicht."

(erschienen in der Schönebecker Volksstimme am 17. April 2003)

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