"Ich bin halt der ewige Klassensprecher"

Der Rockmusiker Heinz Rudolf Kunze im Volksstimme-Interview

Von Lothar Veit

Heinz Rudolf Kunze. Foto: Lothar Veit Als Rockmusiker, Dichter und Musicalübersetzer ist Heinz Rudolf Kunze, 46, viel beschäftigt. Nun wurde er auch noch als Kulturexperte in eine Enquete-Kommission des Bundestages berufen. Lothar Veit sprach mit ihm über seine politischen Ansichten, den Erfolg der Kollegen Grönemeyer und Co. - und natürlich sein eigenes künstlerisches Schaffen.

Volksstimme: In diesem Jahr ist Ihr neues Buch erschienen, Ihr Musical "Ein Sommernachtstraum" hatte in Hannover Premiere, die neue Platte kam auf den Markt und nun haben Sie auch noch eine Live-CD und einen Konzertmitschnitt auf DVD veröffentlicht. Brauchen Sie das alles als kulturellen Ausgleichssport? Oder brauchen Sie einfach Geld?
Heinz Rudolf Kunze: (lacht) Ja! In diesem Jahr kam einfach besonders viel zusammen. Es sind ja zum Teil Sachen, die schon lange geköchelt haben. Aber das wird wohl zur Folge haben, dass im nächsten Jahr von mir keine Platte erscheint, sondern nur eine gemacht wird, die dann im übernächsten Jahr in den Handel kommt.

Volksstimme: Sie haben in diesem Jahr nicht nur viel veröffentlicht, sondern sich auch wiederholt politisch zu Wort gemeldet. Sie haben die kompromisslose Haltung Deutschlands zum Irak-Krieg kritisiert, weil damit Ihrer Meinung nach das Verhältnis zu Amerika fahrlässig beschädigt wurde. Andererseits äußern Sie sich in vielen Texten kritisch zum Vorgehen der Bush-Regierung. Wie ambivalent ist Ihr Verhältnis zu Amerika?
Kunze: Ich liebe Amerika, habe viel von diesem Land gelernt und bin auch gerne dort. Aber ich mag das jetzige Regime nicht. Trotzdem hatte ich eben die Hoffnung, dass unsere Regierung sich etwas sensibler und diplomatischer benimmt. Natürlich hat Schröder letzten Endes Recht behalten. Ich habe niemals den Irak-Krieg befürwortet, ich habe nur bis zuletzt gehofft, dass man es den Amerikanern noch ausreden könnte.

Volksstimme: Sie haben in Interviews Gerhard Schröder den Rücktritt empfohlen, halten Joschka Fischer für einen "katastrophal schlechten Außenminister" und haben sogar zugegeben, dass Sie bei der letzten Bundestagswahl FDP gewählt haben. Ist soviel Offenheit nicht geschäftsschädigend?
Kunze: Ja.

Volksstimme: Selbst Ihr Publikum ist von solchen Statements überrascht.
Kunze: Mein Publikum ist aber belastbar. Ich bin stolz auf mein Publikum.

Volksstimme: Ihr Engagement für eine Quotierung deutschsprachiger Rockmusik hat Ihnen ebenfalls Ärger eingehandelt. Sie haben gesagt, Ihre Konsequenz daraus sei, dass Sie sich "niemals wieder für irgendetwas Gemeinsames engagieren" wollen.
Kunze: Ich habe diesen Satz gesagt, das stimmt. Und zwar aus Enttäuschung über mangelnde Solidarität. Aber: Nicht ich habe mich dafür eingesetzt, sondern 80 deutsche Kollegen haben einen Brief unterschrieben und mich vorgeschickt, um das öffentlich zu vertreten.

Volksstimme: Sie, der Sie sich nie wieder engagieren wollten, sind seit Oktober einer von elf Sachverständigen in der vom Bundestag eingesetzten Enquete-Kommission "Kultur in Deutschland", die innerhalb von zwei Jahren eine Bestandsaufnahme leisten und Vorschläge zur Kulturpolitik machen soll. Was wird Ihr Beitrag sein?
Kunze: Das wird sich zeigen. Vielleicht kann ich ja doch irgendwas für alle bewegen. Ich bin halt der ewige Klassensprecher, was soll ich machen?

Volksstimme: In der Aufgabenbeschreibung heißt es, dass die Kommission näher bestimmen soll, "was legitimerweise zur kulturellen Grundversorgung gezählt werden muss". Soll die Kommission vor allem Sparvorschläge erarbeiten?
Kunze: Sparen ist ja momentan in jedem gesellschaftlichen Bereich auf der Agenda. Aber ich möchte nicht, dass diese Enquete-Kommission eine Alibi-Veranstaltung wird, wo alle gemeinsam lamentieren, dass alles immer schlimmer wird. Es wäre schon wünschenswert, dass wir das Schlimmste verhindern können.

Volksstimme: Sie wurden von dem CDU-Politiker Günther Nooke vorgeschlagen. Nach welchen Kriterien wurden die Sachverständigen ausgewählt?
Kunze: Das weiß ich nicht. Herr Nooke hat offenbar ein paar Platten von mir gehört und ein paar Interviews gelesen. Es mag auch sein, dass meine freundschaftliche Beziehung zu Christian Wulff eine Rolle gespielt hat. Kann sein, dass der mich empfohlen hat. Aber ich bin, auch das soll in diesem Zusammenhang gesagt sein, parteilos.

Volksstimme: Zurück zum Musiker Kunze: Sie kombinieren nach wie vor eingängige Rockmusik mit schwergängigen Texten, die von Platte zu Platte eher noch verschlüsselter werden. Sind Sie manchmal neidisch auf Kollegen wie Westernhagen oder Grönemeyer, die mit leichter verdaulicher Ware mehr Platten verkaufen und größere Hallen füllen?
Kunze: Ich mache das, was ich kann und kann es auch nicht anders machen. Wenn ich versuchen würde, meine Sachen zu vereinfachen, würde das so peinlich klingen, dass mir die Leute, die mich mögen, wahrscheinlich abspringen würden - und die anderen, die mich eh nicht mögen, würden nicht aufspringen.

(erschienen in der Magdeburger Volksstimme am 21. November 2003)

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