"Ich hoffe, dass die Menschen nicht so schnell aufgeben"

Volksstimme-Interview mit dem evangelischen Bischof Axel Noack aus Magdeburg über die Montagsdemonstrationen

Von Lothar Veit

Bischof Axel Noack. Foto: Lothar Veit Die Bundesregierung hat zwar kleine Nachbesserungen an der Arbeitsmarktreform Hartz IV in Aussicht gestellt, aber die Demonstranten in Sachsen-Anhalt lassen sich davon nicht aufhalten. Lothar Veit sprach mit dem Bischof der evangelischen Kirchenprovinz Sachsen, Axel Noack, über die Montagsdemonstrationen, ihre Ursachen und die Rolle der Kirche.

Volksstimme: Die Menschen in Sachsen-Anhalt gehen auf die Straße. Haben Sie Verständnis für die Proteste?
Bischof Axel Noack: Wir haben ja immer gewollt, dass Menschen demonstrieren dürfen, insofern ist es völlig in Ordnung. Ich habe volles Verständnis dafür, wenn Menschen in einer Situation, in der sie von der Politik wenig erwarten, ihren Ärger zeigen.

Volksstimme: Wird der Begriff "Montagsdemonstration" missbraucht?
Noack: Man muss nüchtern zwischen den Montagsdemos von 1989 und den heutigen unterscheiden, aber von Missbrauch oder Anmaßung würde ich überhaupt nicht reden. Es geht nicht um die Gleichsetzung des alten DDR-Regimes mit der Bundesrepublik. Der Vergleichspunkt ist die Hoffnung, dass man mit Demos etwas ändern kann. Und irgendwo freut es mich auch: die PDS bei einer Montagsdemo! Das ist doch auch mal eine schöne Sache.

Volksstimme: In einem Brief an Ihre evangelischen Kirchengemeinden nannten Sie einige der Sprüche auf den Transparenten töricht. Welche?
Noack: Es reicht nicht aus, einfach zu sagen: "Hartz IV muss weg!" Die positiven Aussagen gingen auch nur in die Richtung: "Denen da oben muss man Geld wegnehmen und denen da unten mehr geben."

Volksstimme: Ist das falsch?
Noack: So ist es viel zu schlicht. Es bringt uns alle in eine Kultur des Misstrauens. Eine Gesellschaft, die nur auf Misstrauen aufbaut, kann nicht Bestand haben.

Volksstimme: Wie wollen Sie diese Atmosphäre des Misstrauens überwinden?
Noack: Man muss sehr darauf achten, wie man übereinander redet. Wie reden die Parteien über die jeweilige Opposition? Wie wird über die Regierung geredet? Ich glaube, dass man die Menschen suchen muss, die bereit sind, für das Ganze zu denken. Es gibt sie.

Volksstimme: Ist Hartz IV eine Armutsfalle?
Noack: Die Zahl der Hilfebedürftigen wird deutlich größer. Das ist ein gesellschaftlicher Vorgang, den man aufmerksam verfolgen muss. Die Frage ist: Kriegen wir das mit Taktgefühl hin, dass Menschen ihre Hilfebedürftigkeit nicht als Fehlverhalten vorgehalten bekommen. Und: Kann ich diese Menschen so aktivieren, dass sie sagen, auch ich bin Teil dieser Gesellschaft und habe meinen Teil dazu beizutragen.

Volksstimme: Die meisten würden gerne arbeiten.
Noack: Das ist das Erfreuliche an den Demonstrationen, dass ganz viele Leute sagen: Wir wollen arbeiten. Wer keine Arbeit hat, braucht Hilfe. Ob das mit Hartz IV besser gelingt, ist offen. Gerade im Osten gibt es da begründete Zweifel.

"Die Reformen zementieren den Ost-West-Unterschied"

Volksstimme: Gehen die Leute wirklich nur gegen die Hartz-Reform auf die Straße?
Noack: Nein. Ein riesiges Problem ist die immer noch fehlende Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West. Das ist aber ein Verfassungsgebot! Ich frage die Parteien, ob sie wirklich noch das Ziel haben, die Lebensverhältnisse anzugleichen oder ob sie es aufgegeben haben. Und es ist eine offene Frage, ob die jetzigen Reformen nicht letztlich den Ost-West-Unterschied zementieren oder gar vergrößern.

Volksstimme: Bei den Demonstrationen von 1989 hat die Kirche eine maßgebliche Rolle gespielt. Welche Rolle nimmt sie bei den jetzigen Protesten ein?
Noack: In so einer komplizierten Frage wie der Arbeitsmarktreform ist es nicht so einfach, eine Position "der Kirche" zu finden. Zu uns gehören Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger. Die Kirche ist nicht dafür da, politische Lösungen anzubieten, aber sie wird dort sein, wo Menschen unter die Räder zu kommen drohen.

Volksstimme: Überschätzt die Kirche nicht ihren Einfluss, wenn sie keine eindeutige Position hat?
Noack: Wenn es um den Menschen geht, sind wir sehr eindeutig. Und: Ich bin davon überzeugt, dass die Predigt des Evangeliums zum sozialen Frieden beiträgt.

Volksstimme: Kirchenpräsident Helge Klassohn hat in Dessau mitdemonstriert. Was machen Sie denn am nächsten Montag?
Noack: Weiß ich noch nicht. Letzten Montag war ich auf dem Domplatz, um mal das Klima zu spüren. Bei mir macht sich Hilflosigkeit breit, wenn ich die aufgebrachten Menschen sehe. Ich würde mich jedenfalls nicht unter ein "Schröder muss weg!"-Plakat stellen. Das ist nicht meine Art.

Volksstimme: Der Volkszorn richtet sich gegen fast alle Parteien. Allein die PDS scheint zu profitieren...
Noack: ...obwohl die auch nur sagt: "Hartz muss weg"...

Volksstimme: ...was ja die momentane Stimmung trifft. Gerät das herkömmliche politische System aus den Fugen?
Noack: Es ist jedenfalls gefährdet. Das ist eine Frage an uns Bürger hier im Osten, ob wir nicht in den Parteien viel stärker aktiv werden müssten. Wir brauchen sie als Foren der Willensbildung. Ich sehe zurzeit keine Alternative zur Parteiendemokratie.

Volksstimme: Glauben Sie, dass am Montag noch mehr Leute auf die Straße gehen?
Noack: Engagement hängt damit zusammen, dass man noch Hoffnung hat. Wer aufhört zu hoffen, hört auf zu demonstrieren. Also hoffe ich, dass die Menschen nicht so schnell aufgeben.

(erschienen in der Magdeburger Volksstimme am 13. August 2004)

zurück

© 2001-2015 >> WebDesign: Lothar Veit, Hildesheim