Wo sich Fuchs und Bauer gute Nacht sagen

Im schweizerischen Grüsch-Danusa dreht sich alles um das Maskottchen des Skigebietes

Von Lothar Veit

Bauer Jann Thöny genießt die Ansichtskartenaussicht auf die Bündener Bergwelt. Foto: Lothar Veit Im Skigebiet Grüsch-Danusa im schweizerischen Kanton Graubünden kennt jedes Kind den Danusa-Fuchs. Er ist seit Jahrzehnten das Maskottchen der Region. Deshalb gibt es ein "Füchsli-Kino", die Après-Skibar "Red Fox" und jährlich das "Fuchstival" mit internationalen Top-Bands. Echte Füchse halten sich von dem Trubel lieber fern - aber es gibt sie auch. Der Bauer Jann Thöny hat sich mit einem der scheuen Tiere angefreundet.

Die Geschichte beginnt mit einem Hahn auf einem Misthaufen. Das klingt nicht außergewöhnlich, ist es aber. Denn der Hahn ist schon tot, bevor die Geschichte richtig losgeht. Abgemurkst von seinem Besitzer. Die unvermeidliche Strafe für einen Gockel, der die ihm unterstellten Hühner beim Eierlegen gequält hatte. Der Besitzer machte kurzen Prozess, das sadistische Federvieh landete als Leiche auf dem Mist. Am nächsten Morgen war sie verschwunden. Damit begann vor sechs Jahren eine wunderbare Freundschaft zwischen dem Bauern Jann Thöny, 67, und einem Fuchs, Name und Alter unbekannt.

Letzterer klaute sich den Hahn im Schutze der Dunkelheit. Nagte ihn ein bisschen an und ließ ihn einige Meter weiter auf der Wiese liegen, wo ihn der verblüffte Bauer am nächsten Tag wiederfand. Jann Thöny hatte eine Ahnung, aber keine Gewissheit, wem da zu nächtlicher Stunde der Sinn nach Hähnchenschenkeln stand. Also kompostierte er künftig nicht nur totes Geflügel, sondern stellte versuchsweise auch mal eine Schale mit Milch und Frolic neben den Misthaufen. Der Fuchs biss an und kam immer wieder. Jann Thöny stand derweil hinter dem Wohnzimmerfenster und beobachtete ein schönes Tier, das außerordentlich scheu ist und sich normalerweise nicht beobachten lässt. Normalerweise.

"Ich bin der letzte Mensch"

Der 67-jährige Bauer wohnt seit 66 Jahren auf seinem Bauernhof, 1.250 Meter über dem Meeresspiegel, genau auf halber Höhe zwischen dem Dorf Grüsch und dem Skigebiet Danusa. Es ist der höchstgelegene landwirtschaftliche Betrieb in der Region. "Ich bin der letzte Mensch", sagt Thöny und ist ganz offensichtlich froh darüber. Er lebt dort allein mit Rindern und Schafen und seinem Hund Jolly. Seine Frau Elsbeth ist mit den gemeinsamen zwei Kindern schon vor Jahrzehnten ins Dorf gezogen, weil sonst der Schulbesuch zu beschwerlich gewesen wäre.

Wer hinter einem solchen Lebensentwurf einen weltfremden und leicht wunderlichen Alm-Öhi vermutet, irrt. Seit 1957 hat Jann Thöny elektrischen Strom, er hat Telefon und Kabelfernsehen, guckt regelmäßig Formel-1-Rennen und weiß, dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland hoch ist und dass sich deutsche Schüler nicht mit PISA-Ruhm bekleckert haben.

An seiner Küchenwand hängen Ansichtskarten, die ihm seine Tochter Ursina aus Djerba, Lanzarote und den Dolomiten geschickt hat. Ihm entfährt ein spontaner Würgelaut, der ungefähr bedeutet: "Soll sie hinfahren, aber bitte ohne mich!" Mit den Massentourismus-Zielen aus dem Hochglanzkatalog kann man Thöny eher jagen als locken. Ein Flugticket nähme er nicht einmal geschenkt. "Ich mache keinen Urlaub, ich wohne ja in einem Feriengebiet."

Obwohl daran kein Zweifel besteht, geht der Bauer zur Beweisführung über. Durch den dunklen Flur schlurft er an seiner imposanten Kuhglockensammlung vorbei ins Freie. Was er draußen sieht, ist der Wunschtraum jedes Touristen. Jann Thöny ist umgeben von den schneebedeckten Gipfeln der Bündener Bergwelt. Ein phantastischer Ausblick. Das, was die Hochglanzkataloge versprechen, wird hier direkt vor seiner Haustür eingelöst. Er darf sich daran seit 66 Jahren freuen. Was soll er auf Lanzarote?

Auch auf das Dorf Grüsch im Tal hat der Bauer eine Ansichtskartenaussicht. Niemand konnte besser als er beobachten, wie sich das Dorf entwickelte. Vor 33 Jahren war es noch halb so groß, dann wurden die ersten Sesselbahnen und Skilifte gebaut und das Ski- und Wandergebiet Danusa touristisch erschlossen. Das Dorf wuchs rasant und zählt heute knapp 1.250 Einwohner. 1992 wurde eine neue Achtergondelbahn gebaut, seitdem ist Thönys schöne Aussicht etwas verschandelt. Wenige hundert Meter von seinem Bauernhof entfernt wurde die Mittelstation der Gondelbahn errichtet.

Auf Jann Thönys Wohnzimmertisch liegt ein Prospekt der Grüscher Touristeninformation. Eine Schar von glubschäugigen Rotfüchsen blickt ihm aus einer abstrakten Comic-Zeichnung entgegen. "Das ist der Danusa-Fuchs", sagt Jann Thöny. "Den hat es hier schon immer gegeben. Und jetzt gibt es einen lebendigen."

Den Danusa-Fuchs kennt in Grüsch und Umgebung jedes Kind. Es gibt ihn auf Plakaten, Aufklebern, Schirmmützen und in zig anderen erdenklichen Formen. Er ist das allgegenwärtige Maskottchen des Skigebietes. Die politische Gemeinde hat ihn gleichberechtigt neben das Gemeindewappen auf ihr offizielles Briefpapier befördert. Seit wann es den Danusa-Fuchs gibt, weiß aber niemand mehr so richtig. Ob es ein reales Vorbild gab, ob gar Jann Thönys persönlicher Fuchsfreund die Inspirationsquelle war, können die Dorfbewohner nicht sagen.

Der ausgestopfte Fuchs auf dem Schreibtisch von Hans-Peter Lötscher, Direktor der Grüsch-Danusa Bergbahnen, ist das Geschenk eines befreundeten Jägers. Im Hintergrund zwinkert der Danusa-Fuchs. Foto: Lothar Veit Einer kann bei der Spurensuche weiterhelfen: Er hat mit dafür gesorgt, dass jedes Kind den kleinen, zackigen Fuchs kennt, der den Touristen neuerdings auch aus dem Internet freundlich zuzwinkert. Hans-Peter Lötscher ist Direktor der Grüsch-Danusa Bergbahnen AG und Chef des Danusa-Fuchses sowie weiterer 50 Saisonmitarbeiter. Er ist verantwortlich für die beeindruckend konsequente Werbekampagne. Dem typischen Fuchs-Design - roter Fuchs vor gelbem Gebirge und blauem Himmel - kann man sich nur schwer entziehen. Wirklich alles sieht so aus: Die Bergbahn-Gondeln, der Direktoren-Schreibtisch, die Mitarbeiter-Klobrille.

Vor 34 Jahren wurde der Danusa-Fuchs von Hans-Peter Lötschers Vorgänger und einer Werbeagentur aus Zürich erfunden. "Der Fuchs ist von Natur aus ein schlaues Tier", referiert Lötscher die Grundidee, "er weiß, wo es schön ist und wo man günstig Ski laufen kann." Zwar habe es schon immer real existierende Füchse in der Region gegeben, aber bei der Suche nach einem Werbemaskottchen spielte das kaum eine Rolle.

Weil niemand das Dorf Grüsch kannte und niemand das Skigebiet Danusa, schufen die Werbeprofis zusätzlich den Markennamen Grüsch-Danusa. Seitdem hat sich Grüsch-Danusa als Familienskigebiet etabliert. Etwa 100.000 Touristen kommen laut Hans-Peter Lötscher pro Wintersaison hierher. Neben dem üblichen Betrieb findet einmal im Jahr das "Fuchstival" statt, ein Pop- und Rockfestival im Schnee, in 1.800 Metern Höhe.

Europas ältestes 24-Stunden-Skirennen

Große Namen hat Organisator Lötscher in den vergangenen Jahren an Land gezogen: 2002 DJ Ötzi, 2003 Marla Glen. In diesem Jahr findet vom 26. bis 28. März das zehnte Fuchstival statt, der Höhepunkt wird ein Auftritt der "Spider Murphy Gang" sein. Vor dem Spektakel verausgaben sich über 100 Extremsportler beim ältesten 24-Stunden-Skirennen Europas.

Mit 2.500 Besuchern rechnet Lötscher. Ein logistischer Ausnahmezustand, denn nicht nur sämtliche Zuschauer, auch die Künstler und die fünf Tonnen technisches Equipment müssen mit der Gondelbahn auf den Berg gebracht werden.

Wenn nicht gerade Festivals stattfinden, gibt es vor allem für Kinder zahlreiche Angebote - natürlich alles im Zeichen des Fuchses. Es gibt ein Füchsli-Kino, die Füchsliskischule und jeden Nachmittag ein Kinderprogramm, für das Mitarbeiter der Bergbahnen in ein von der Züricher Oper maßgeschneidertes Fuchs-Kostüm schlüpfen. Zum Beispiel Lisa Hertner, die genau weiß, wie sich ein Danusa-Fuchs fühlt: "Gut, besonders im Winter." Im Winter wärmt das Fuchsfell besser als jede Winterjacke, im Sommer ist der Job vor allem schweißtreibend.

Die Kinder reagieren unterschiedlich auf den aufrecht gehenden Fuchs, der sogar Ski fahren kann, wenn es sein muss. Kleinere Kinder haben manchmal Angst, die größeren ziehen ihn furchtlos am Schwanz. Sprechen kann das Tier auch: "Ich bin der Danusa-Fuchs, und wer bist Du?", sagt Lisa Hertner zu den Kindern.

Der echte Fuchs kann zwar nicht sprechen, aber er kann den Bauern Jann Thöny inzwischen verstehen. Über drei Jahre hat die Annäherung gedauert. "Fuchs, komm, komm!", ruft der Bauer nun, wenn er den Futternapf an den Misthaufen stellt. Füchse fressen prinzipiell alles, aber offenbar nicht zu jeder beliebigen Zeit. Thöny hat sich deshalb darauf eingestellt, dass der Fuchs sein Menü zwischen 17 und 17.30 Uhr serviert haben möchte. Er ist stolz darauf, dass der Fuchs ihn an der Stimme erkennt und auf sein Rufen kommt. So, als ob er in seinem Versteck nur auf den Essensgong wartet. Nach drei Jahren findet der Fuchs auch nichts mehr dabei, wenn sich Jann Thöny zu ihm auf den Misthaufen gesellt. Liebe geht durch den Magen.

Nur Jann Thöny darf dem Fuchs so nahe kommen. Als Thönys Sohn die beiden fotografierte, hörte der Fuchs das Klicken der Kamera und ließ sich drei Tage lang nicht mehr sehen. Foto: Reto Thöny Thöny ist selber verwundert über soviel Zutrauen. Was der Fuchs nicht weiß: Jann Thöny war auch schon einmal Fuchs. Für die Hochzeit seiner Tochter hoch oben im Bergbahnen-Restaurant hatte er sich das Danusa-Fuchs-Kostüm geliehen und die Gäste gefoppt. Ein Heidenspaß. Doch daher rührt die besondere Mensch-Tier-Beziehung vermutlich nicht.

Was der Fuchs vielmehr spürt: Jann Thöny ist mit der Natur, sich selbst und seinen Tieren im Reinen. Sein Vieh behandelt er gut, er kennt jede Kuh und jedes Lamm, die Landwirtschaft war immer sein Leben. Ins Dorf geht er nur, wenn es unbedingt nötig ist. "Da unten ist der Friedhof zu nah", sagt er. Früher ist er öfter hinabgefahren. Mit seinem klapprigen VW-Käfer. Wenn er sich auf dem Markt ein Kalb gekauft hatte, schraubte Thöny seinen Beifahrersitz aus dem Auto und stellte das Kalb hinein. Dann ging es wieder hinauf auf 1.250 Meter Höhe. Aber Auto fährt der 67-Jährige schon lange nicht mehr.

Deshalb musste er einmal gefahren werden. Da war es unbedingt nötig. Vor 22 Jahren, zwei Tage vor Weihnachten, wurde der Bauer ins Krankenhaus eingeliefert. Eine Kuh hatte ihm ihr Horn ins Auge gerammt, als er gerade eine andere Kuh anbinden wollte. Das Auge konnte zwar drinbleiben, aber der Sehnerv war kaputt. Noch ein Grund, warum Jann Thöny lieber auf seinem Bauernhof bleibt. In gewohnter Umgebung findet er sich auch als Halbblinder zurecht. Seiner Liebe zu den Tieren hat der Unfall keinen Abbruch getan. Beim Rundgang durch den Stall albert er mit einer Kuh herum, als wäre nichts gewesen. Setzt sich auf sie und schmust mit ihr. Andere hätten ihren Kühen die Hörner gekappt. Er nicht. "Besser aufpassen", sagt er lapidar.

Prämien für geschossene Füchse

Wie sein Freund, der Fuchs. Der weiß auch, wann er aufpassen muss. Während der Jagdsaison traut sich das Tier nicht bis zum Bauernhof vor. Aus gutem Grund: In den vergangenen zehn Jahren wurden in der Region jedes Jahr im Durchschnitt über 500 Füchse geschossen. Wie viele es in den Wäldern rund um das Skigebiet gibt, sei schwer zu schätzen, sagen die Jäger. "Vermutlich weit über 1.000", sagt Georg Niggli, Grundbuchverwalter und "praktizierender Jäger mit Freude und innerer Überzeugung". Niggli ist außerdem ehrenamtlicher Gemeindepräsident von Grüsch. Von seinem Briefkopf grüßt der Danusa-Fuchs.

Für die geschossenen Füchse gibt es Prämien. "Der Fuchs richtet in Hühnerhöfen verheerende Schäden an", sagt Georg Niggli. Er wehrt sich gegen die Kritiker, die behaupten, dass die Fuchsjagd mehr in den Bestand eingreife als nötig. Mit dem Pelz der Füchse hätten Bauern außerdem in manchem Winter mehr Geld verdient als mit der Landwirtschaft. "Aber durch Propaganda hat das Tragen von Pelz heutzutage eine andere Bedeutung", sagt Niggli. Er bedauert das. "Ich finde es schade, dass man ein Naturprodukt, das man sinnvollerweise der Natur entnimmt, nicht nutzen darf."

"Jagd muss wohl sein", sagt auch Bauer Jann Thöny. "Aber ich würde nicht jagen." Sein Fuchs richtet keine verheerenden Schäden an. Jedenfalls nicht in seinem Stall. Die lebenden Hühner lässt er in Ruhe, dafür gibt Thöny ihm die toten. Der Bauer findet diese Art der Entsorgung sehr praktisch: "Er frisst nicht nur die toten Hühner, sondern auch Kaninchen und einmal sogar ein totgeborenes Lamm."

Es wird halt gegessen, was auf den Mist kommt. Und nur das. "Vielleicht frisst er auch mich, wenn ich auf dem Mist tot umfalle." Jann Thöny lacht. Irgendwie scheint ihm der Gedanke zu gefallen. Kein Drehbuchautor hätte gewagt, ein solches Ende zu schreiben. Aber es wäre perfekt.

(erschienen in der Magdeburger Volksstimme am 31. Januar 2004)

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