Die tüchtigen jungen Ostdeutschen

Allensbach-Studie fördert Überraschendes zutage

Von Lothar Veit

Grafik: chart service
Es passt so gar nicht ins Klischee vom verarmenden, vergreisenden und verblödenden Ostdeutschland, was das Allensbacher Institut für Demoskopie in einer aktuellen Studie herausgefunden haben will: Ostdeutsche unter 30 Jahren sind tüchtiger, reformfreudiger und freiheitsliebender als Gleichaltrige in Westdeutschland.

So stimmten 52 Prozent der unter 30-jährigen Ostdeutschen der Aussage zu: "Jeder ist seines Glückes Schmied. Wer sich heute wirklich anstrengt, kann es auch zu etwas bringen." Nur 43 Prozent der jungen Westdeutschen waren der gleichen Meinung. Die jungen Ostdeutschen sind aber nicht nur bundesweit spitze, sondern vor allem ihrer eigenen Elterngeneration weit voraus. Weniger als ein Drittel dieser Altersgruppe glaubt, dass sie ihr Glück selbst in der Hand hat.

Das mag angesichts der täglichen Hiobsbotschaften von anhaltend hoher Arbeitslosigkeit, Lehrstellenmangel und sinkendem Bildungsniveau im Osten verwundern. "Wir waren auch sehr überrascht von dem Ergebnis", sagte Allensbach-Projektleiter Thomas Petersen im Gespräch mit der Volksstimme. "Das ist ja das Schöne an der Demoskopie."

Allensbach gehört anerkanntermaßen zu den seriösen Instituten, auch wenn es bei den vergangenen Bundestagswahlen 2002 heftige Kritik einstecken musste. Geschäftsführerin Elisabeth Noelle hatte in gravierender Abweichung zu anderen Demoskopen frühzeitig der rotgrünen Bundesregierung keine Chance auf eine weitere Amtszeit eingeräumt. Das Allensbacher Institut gilt als CDU-nah.

Parteipräferenzen dürften jedoch bei der aktuellen Studie "Der Wert der Freiheit", die vergangene Woche in Berlin vorgestellt wurde, kaum eine Rolle gespielt haben. Maßgeblich finanziert wurde sie von der Freiburger Friedrich-August-von-Hayek-Stiftung, die sich wie ihr Namensgeber (der österreichische Ökonom, Philosoph und Nobelpreisträger Hayek lebte von 1899 bis 1992) für die Idee einer "Verfassung der Freiheit" einsetzt.

In Sachsen-Anhalt wurden 100 Personen befragt

Befragt wurden insgesamt 2030 Deutsche im persönlichen Interview, davon 1215 in West- und 815 in Ostdeutschland. Nach Angaben von Allensbach ist die Umfrage für die deutsche Bevölkerung ab 16 Jahren repräsentativ. Die Befragten wurden nach festgelegten Quoten bezüglich Geschlecht, Alter, Beruf und weiteren Merkmalen ausgewählt. Thomas Petersen schätzt, dass in Sachsen-Anhalt rund 100 Personen befragt wurden.

Warum sollten nun aber ausgerechnet die ostdeutschen Jugendlichen in Aufbruchstimmung sein? Der Allensbach-Projektleiter hat zwei Erklärungen dafür parat. Einerseits hat die junge Generation laut Studie einen signifikant anderen Freiheitsbegriff als ihre Eltern. Während 52 Prozent der unter 30-Jährigen der Ansicht sind, "Freiheit bedeutet, für sich selbst verantwortlich zu sein", sehen das nur 36 Prozent der älteren Ostdeutschen so. 45 Prozent der Älteren definieren Freiheit hingegen als "frei sein von sozialer Not". Eine vergleichbare Kluft zwischen den Generationen gibt es in Westdeutschland nicht.

46 Prozent aller Ostdeutschen sind außerdem der Meinung, dass in der heutigen Gesellschaft "die einen oben sind und die anderen unten". Diejenigen, die unten seien, kämen niemals hoch, "so sehr sie sich auch anstrengen". Dieser Fatalismus ist bei den unter 30-Jährigen weniger verbreitet, nur jeder Dritte ist der gleichen Ansicht. Thomas Petersen: "Die erste Generation, die nach der Wende in Freiheit aufgewachsen ist, lebt in einer völlig anderen Welt als die Eltern." Vergleichbare Bewegungen seien schon häufiger zu beobachten gewesen, wenn sich ein politisches System grundlegend geändert habe. Auch in der westdeutschen Nachkriegszeit und in Spanien nach der Franco-Ära hätten die Kinder ihre Eltern nicht verstanden.

Resignieren ist keine Grundeigenschaft junger Leute

Die zweite Erklärung ist "noch vager", wie Petersen einräumt: Weil die wirtschaftliche Lage im Osten schlechter ist als im Westen, "hat sich die junge Generation damit abgefunden, dass der Staat sich nicht mehr um alles kümmern kann". Mit einer gesicherten Rente würden nur noch die wenigsten rechnen. Ist aber nicht dieses Argument eher ein Grund zur Resignation als zum Optimismus? "Resignieren ist keine psychologische Grundeigenschaft junger Leute", sagt der Demoskop.

Thomas Petersen glaubt, dass diese "Neuorientierung der jungen Generation das öffentliche Klima in den neuen Bundesländern in Zukunft zunehmend bestimmen und längerfristig auch auf Westdeutschland ausstrahlen wird". Nur wie? Indem weitere qualifizierte junge Menschen in den Westen abwandern? "Nein, das glaube ich nicht", sagt Petersen. "Die allermeisten, die wir befragt haben, werden bleiben." Deshalb werde es im Osten bald eine Fülle kreativer Ideen geben.

Die gesamtdeutsche Realität sieht noch anders aus. Von einem weiteren zentralen Ergebnis der Studie war vor allem der Finanzier erschrocken: Die Deutschen haben nach wie vor ein starkes Bedürfnis nach einem fürsorglichen Staat, der möglichst viele Lebensbereiche regelt. So sind jeweils weit über 80 Prozent der Meinung, der Staat müsse sich um gute Schulen und Universitäten, Absicherung bei Arbeitslosigkeit oder Krankheit, eine boomende Wirtschaft und ausreichende Kinderbetreuungsmöglichkeiten kümmern.

Mag sein, dass die unter 30jährigen Ostdeutschen dieses Anspruchsdenken dauerhaft abgelegt haben. Dann dürfte sie auch die aktuelle Diskussion um Hartz IV und Arbeitslosengeld II nicht schocken. Die war nämlich im Erhebungszeitraum der Studie (Oktober 2003) noch kein Thema.

(erschienen in der Magdeburger Volksstimme am 22. Juli 2004)

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