"Wir müssen unsere Unterschiede ernst nehmen"

Evangelische und katholische Zusammenarbeit beim YouthCamp 2000

Von Lothar Veit

Foto: YouthCamp 2000 Die evangelische und katholische Kirche in Deutschland haben das Jahr 2000 und die Weltausstellung in Hannover zum Anlass genommen, um ihre ökumenische Zusammenarbeit zu intensivieren. Daran konnten auch die jüngsten Äußerungen einiger Hardliner aus Rom nichts ändern, die in ihrem dogmatischen Schneckenhaus am liebsten Kirche mit sich selbst feiern möchten. Sowohl der Christus-Pavillon auf der EXPO als auch das Youth-Camp 2000 haben den Beweis erbracht, dass die Zusammenarbeit von Protestanten und Katholiken immer wieder gute Früchte trägt.

Sieben Wochen lang konnten die Bewohnerinnen und Bewohner des YouthCamp 2000 "Ökumene hautnah" erleben. Herzstück des Camps war das sogenannte "SpiCe" - das spirituelle Zentrum - in dem neben evangelischen und katholischen Geistlichen und Ehrenamtlichen auch Kapuzinermönche und Nonnen aus dem Hildesheimer Vinzentinerinnenorden gemeinsame Sache machten.

"Es ist ein Geschenk, dass wir zusammen theologisch arbeiten und dabei auch noch feststellen, dass wir in vielen Punkten gar nicht weit voneinander entfernt sind", sagte Pastor Ralph-Ruprecht Bartels, evangelischer Leiter des SpiCe und Referent für Geistliches Leben im Landesjugendpfarramt Hannover. Sein Kollege Christian Göbel, Kaplan und von katholischer Seite aus verantwortlich für das gemeinsame Projekt, pflichtete ihm bei: "Bei uns entsteht durch die Zusammenarbeit bei Andachten und Gottesdiensten ein neues Bewusstsein für Sprache".

Jeden Sonntag um 18 Uhr feierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des YouthCamp in der Zeltkirche des SpiCe einen ökumenischen Gottesdienst. Zusätzliche evangelische Abendmahlsgottesdienste und katholische Eucharistiefeiern fanden im wöchentlichen Wechsel statt. Vier gemeinsame Tageszeitengebete strukturierten den Tag. "Auf die Gebetszeiten haben wir uns gleich bei unserer ersten Planungssitzung verständigen können", erinnert sich Ralph-Ruprecht Bartels.

Foto: YouthCamp 2000 Für Schwester Rut-Maria Rolke (31 Jahre), Vinzentinerin aus Hildesheim und Sozialpädagogikstudentin, war das selbstverständlich: "Ich bin in erster Linie Christin und dann erst katholisch". Das YouthCamp könne dabei helfen, Klischees in den Köpfen aufzubrechen. Zum Beispiel, wenn Schwester Rut-Maria in der nächtlichen Disco tanzt wie andere "normale" Menschen auch. Oder wenn Pastor Bartels für seine Predigt Laptop und Videobeamer auspackt.

In den Camp-Gottesdiensten spielten regelmäßig Rock- und Popbands aus evangelischen und katholischen Kirchengemeinden. "Deswegen sind die Gottesdienste hier auch besser als zu Hause", sagte die 17-jährige Kathrin aus Pinneberg, der die traditionelle Kirchenmusik "nicht so liegt". Ökumenische Aufbruchstimmung für die Jugendarbeit wünscht sich die Theologiestudentin Julia Frydetzki (24) aus Göttingen: "Ich hoffe, dass weitere Projekte dieser Art folgen."

Doch auch heikle Fragen, die beide Konfessionen nach wie vor trennen, wurden auf dem YouthCamp 2000 thematisiert. "Dass wir kein offizielles gemeinsames Abendmahl feiern dürfen, schmerzt nicht nur Protestanten, sondern auch uns Katholiken", so Kaplan Christian Göbel nachdenklich. Von Rebellion, wie jüngst beim Hamburger Katholikentag, hält Göbel nicht viel: "Das würde den ökumenischen Prozess eher behindern als fördern." Deutlich unterstrich er allerdings, dass die Abendmahlsfrage ein Problem von Theologen und Kirchenleitungen ist. "Den Jugendlichen auf dem Camp kann man das nicht vermitteln."

Foto: YouthCamp 2000 Die Motive der Jugendlichen für den Campbesuch waren ohnehin höchst unterschiedlich. Manche wollten vorrangig zur EXPO und nutzten die günstige Schlafgelegenheit, andere wollten neue Leute kennen lernen - völlig egal, ob katholisch oder evangelisch. Die 17-jährige Julia bezeichnete sich als "passiv evangelisch". Sie hätte in den Andachten gar nicht darauf geachtet, was der einen oder der anderen Konfession zugeordnet werden könnte.

Das YouthCamp 2000 - ein Schritt hin zu einer gemeinsamen christlichen Kirche? Für Schwester Rut-Maria ist das Wichtigste, "dass wir uns gegenseitig mit unseren Unterschieden ernst nehmen". Das müsse aber nicht heißen, dass sich die Konfessionen irgendwann auflösten. Pastor Bartels und Kaplan Göbel können sich ebenfalls eher mit dem Prinzip "Einheit in der Vielfalt" anfreunden. Göbel: "Ich halte die Unterschiede zwischen den Konfessionen für nicht gravierender als die unterschiedlichen Strömungen innerhalb der jeweiligen Konfessionen selbst."

Ein Beispiel sollte laut Göbel Schule machen: Im Vorfeld des YouthCamp 2000 habe sich eine ökumenische Jugendgruppe gebildet, die sich auf eine ehrenamtliche Mitarbeit auf dem Camp vorbereitet hat. Gemeinsame Gruppenleitungsschulungen seien nur eine von vielen Möglichkeiten. "Das sollte ruhig öfter passieren", findet der Kaplan. Vielleicht bei einem gemeinsamen Landesjugendcamp?

(zuerst veröffentlicht in "aej information" Nr. 5 vom 15. Oktober 2000)

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